Ruth Cerha: Zehntelbrüder

„Patchwork-Familie“ ist ein nur unzureichender Begriff, wenn es um Mischas Sippe geht. Alles beginnt damit, dass seine Mutter in jungen Jahren schwanger wird, der Vater des Kindes sich aber absetzt. Daraufhin heiratet Margit den charmanten Janek, der zwei Söhne aus erster Ehe hat. Deren Mutter, Gisela, gehört nach wie vor irgendwie zur Familie, und später auch ihre jüngeren Kinder.

Die Ehe zwischen Janek und Mischas Mutter läuft nicht gut. Margit verschwindet immer häufiger, ihre Freundin Jenny kümmert sich dann um Mischa und seinen jüngeren Halbbruder Julius. Und dann ertappt Margit eines Abends Janek und Jenny…

Eine wirklich verrückte Familiengeschichte, bei der man keine langen Lesepausen einlegen darf – oder sich ein Personenregister anfertigen sollte. Trotzdem habe ich jede Seite genossen. Ruth Cerha ist eine fantastische Erzählerin, der Sprachrhythmus ist unglaublich. Eine unangestrengte Leichtigkeit trägt einen davon, man möchte gar nicht mehr auftauchen aus diesem Buch…

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Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten

Der Göttinger Neurowissenschaftler sieht sein Buch als „neurobiologischen Mutmacher“. Auch wenn sich die Menschheit insgesamt in eine Sackgasse manövriert hat mit immer stärkerem Leistungsdruck (und daher psychische Erkrankungen, Burn-Out-Syndrome etc zunehmen), sieht Hüther die Möglichkeit für eine neue Gesellschaft, in der nicht die Ressourcenausnutzung  im Mittelpunkt steht, sondern das Entfaltungspotential des Einzelnen.

Denn die Hirnforschung hat eines gezeigt: Der Mensch ist in seiner Entwicklung nicht unbedingt durch seine Anlagen vorherbestimmt, sondern ist durch die Plastizität des Gehirns in der Lage, bereits verinnerlichte Haltungsmuster aufzubrechen und zu ändern.

Das gelingt aber nur in Beziehung zu anderen Menschen, die demjenigen Wertschätzung und Ermutigung entgegenbringen. Gerade in der Erziehung unserer Kinder sieht Hüther großen Handlungsbedarf, denn mit „Dressur“ und Konkurrenzdenken wird sich eine Gesellschaft nicht zu ihrem Vorteil entwickeln.

Hüther schreibt in einem leicht verständlichen Stil, wiederholt sich allerdings auch häufig. Insgesamt fand ich das Buch nicht uninteressant. Man hätte das Ganze allerdings nicht auf 188 Seiten aufblähen müssen.

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Craig Silvey: Wer hat Angst vor Jasper Jones

Corrigan, eine Kleinstadt in Australien in den 1960er Jahren: Hier lebt der dreizehnjährige Charlie. Er ist in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen und hat keine ärgeren Probleme, als heimlich in eine Mitschülerin verliebt zu sein.

In diesem Sommer 1965 wird sich sein Leben jedoch für immer verändern, denn eines Nachts steht Jasper Jones vor seinem Fenster und bittet ihn um Hilfe. Jasper ist Halb-Aborigine und daher ein Außenseiter im Ort, ein Schulschwänzer, angeblich auch ein Dieb. Allen Kindern wird geraten, sich von ihm fern zu halten, dennoch wird er von den meisten als „Rebell“ auch bewundert – besonders von Charlie.

Am Ende dieser Nacht wird sich Charlie allerdings wünschen, er hätte Jasper fortgeschickt, er hätte nie die tote Laura Wisehart gesehen und beim Verstecken ihrer Leiche geholfen. Jasper beteuert, sie nicht getötet zu haben – doch sagt er auch wirklich die Wahrheit?

Für Charlie stehen plötzlich alle Dinge auf dem Kopf. Er erlebt unschöne Züge an seinen Nachbarn, die sich als Rassisten entpuppen und muss sich entscheiden, wem er Vertrauen schenken kann und wem er Loyalität schuldet.

Ein wunderbares Jugendbuch in der Tradition von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“. Sehr atmosphärisch – und ganz ohne Vampire, Engel oder Werwölfe! Dafür mit viel Spannung und Tiefgang, Humor und auch ein wenig Heldentum.

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Marie Lu: Fallender Himmel (Legend 1)

Für die gut 360 Seiten habe ich einen Abend und einen Nachmittag gebraucht – das nennt man wohl „Page-Turner“. Dystopien sind seit „Die Tribute von Panem“ im Jugendbuch das Thema. Meinetwegen – wenn die Geschichten so rasant erzählt werden wie diese…

Zum Inhalt: In einem Amerika der Zukunft herrscht eine unerbittliche Diktatur, die seit Jahren Krieg gegen die „Kolonien“ führt. Alle Kinder werden im Alter von zehn Jahren einem Test unterworfen, der über ihr späteres Leben bestimmt. Wer nicht eine bestimmte Punktzahl erreicht, landet in „Arbeitslagern“. Meist sind dies die Kinder aus armen Familien, während der Nachwuchs der Priveligierten auf eine Karriere beim Militär oder in der Politik vorbereitet wird. June Iparis gehört zu einer solchen Familie. Sie ist die einzige, die je den „Großen Test“ mit voller Punktzahl bestanden hat und mit nur 15 Jahren einer der jüngsten Offiziere der Republik.

Der gleichaltrige Day dagegen stammt aus den Slums und hat den Test nicht bestanden. Seiner Familie wurde mitgeteilt, er käme in ein Lager, tatsächlich wurden jedoch Experimente an ihm durchgeführt. Es gelang ihm allerdings, aus dem Labor zu fliehen und in den Untergrund zu gehen. Wie viele andere Kinder lebt er seither auf der Straße – und kämpft leidenschaftlich gegen die Diktatur. Er gilt als „Staatsfeind“.

Nach einem Überfall auf ein Krankenhaus, bei dem Junes Bruder stirbt, bekommt die junge Agentin den Auftrag, Day zu fassen…

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Day und June erzählt. Für ein Jugendbuch sind einige Szenen wirklich sehr düster und brutal, dennnoch ist es einfach spannend, man kann es kaum aus der Hand legen. Super Unterhaltung (sogar mit ein bisschen Tiefgang) für junge Menschen, die nicht zart besaitet sind!

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Julie Zeh: Nullzeit

Sven ist in jungen Jahren aus Deutschland geflohen, für ihn ist sein Heimatland ein „Kriegsgebiet“ – zu viele Menschen, zu viele Konflikte, zu viele Beurteilungen. Trotz guter Noten hat er keine Lust auf ein Leben als Jurist und baut sich auf einer Kanareninsel  zusammen mit seiner Freundin Antje eine Existenz als Tauchlehrer auf. Die beiden wohnen außerhalb der Küstenstädte, haben nur lockeren Kontakt zu anderen. „Aus allem heraushalten“ ist Svens Motto.

Doch dann buchen Schauspielerin Jola und Schriftsteller Theo einen exklusiven Tauchurlaub bei ihm. Die beiden führen eine extreme Beziehung, die von Quälereien und Gewalt geprägt scheint. Jola behauptet, Theo wolle sie umbringen. Doch kann Sven ihr trauen – oder hat sie ihre eigenen Pläne?

Ziemlich spannend! Wer Bücher wie z.B. „Angerichtet“ von Hermann Koch mochte, wird auch diesen Roman gern lesen.

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Alain Sulzer: Aus den Fugen

Starpianist Marek Olsberg beendet mitten in einer atemberaubenden Interpretation der „Hammersonate“ abrupt ein Konzert. Mit den Worten „Das war’s“ schließt er den Klavierdeckel und geht hinaus in die Berliner Nacht, lässt sich durch die Straßen treiben.

Für einige Besucher der Philharmonie ist es nicht die einzige Überraschung, die in den nächsten Stunden auf sie zukommen wird. Da ist zum Beispiel die vermeintlich glücklich verheiratete Esther, die ihre geschiedene Freundin begleitet, um sie zu trösten. Als sie früher als erwartet nach Hause kommt, ist ihr Mann unterwegs und eine verfängliche Nachricht seiner Assistentin auf dem Anrufbeantworter…

Oder Johannes, der seiner Frau vom Konzert vorschwärmt, ohne es besucht zu haben, da  er den Abend lieber mit einer schönen jungen Frau vom Escort-Service verbracht hat. Natürlich fliegt seine Lüge durch den Skandal im Konzertsaal auf.

Ein Reigen unvermuteter Wendungen beginnt, raffiniert komponiert und präzise, fast sparsam, erzählt. Ein unglaubliches Buch!

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Paul Auster: Sunset Park

Den neuen Roman von Paul Auster fand ich zunächst recht spannend, dann zunehmend irritierend. Keine Frage, die Geschichte um die vier Hausbesetzer Miles, Alice, Bing und Ellen ist angenehm flüssig zu lesen – aber die Charakterisierung dieser vier Scheiternden wirkt irgendwie holzschnittartig.

Und der schuldbeladene, sich selbst bestrafende Miles (er hat seinen Stiefbruder während einer Rangelei aus Versehen vor ein Auto gestoßen und so getötet) ging mir im Laufe des Buches mächtig auf die Nerven.

Gelungen fand ich wiederum viele Szenen, in denen fast beiläufig vom wirtschaftlichen Niedergang der amerikanischen Mittelschicht erzählt wird. Oder die Geschichten über amerikanische Baseball-Stars, die Miles und seinen Vater verbinden.

Letztlich wirkt der Roman etwas mit Themen überfrachtet. Dennoch ist man natürlich mit einem mäßigen Paul Auster-Roman immer noch besser bedient als mit so manchem anderen Titel, der gerade die Bestellerlisten ziert 😉

 

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Isabell Allende: Mayas Tagebuch

Jetzt weiß ich wieder, warum ich seit langem nichts mehr von Isabell Allende gelesen hab: mir geht diese gefühlige Art meistens total auf die Nerven. (Vielleicht gibt es im monatlichen Zyklus ein enges Zeitfenster, in dem das nicht der Fall wäre..?) Und das Übersinnliche. (Maya sieht tote Menschen!)

Zur Handlung: Die Titelfigur wächst liebevoll umsorgt bei ihren Großeltern auf. Die Mutter lebt im fernen Europa und hat eine neue Familie, der Vater ist als Pilot ständig unterwegs. Nach dem plötzliches Tod des angebeteten Opas dreht Maya völlig durch. Sie gerät an die falschen Freunde, schwänzt die Schule, lügt, stiehlt und läuft schließlich von Zuhause fort. Sie wird vergewaltigt und schließt sich einer Gangsterbande in Las Vegas an, ist drogenabhängig und wird von der Mafia und vom FBI verfolgt.

Dann wird sie wundersamerweise von christlichen Damen gerettet und von ihrer Großmutter auf einer kleine Insel in Südchile untergebracht. Ihr Gastgeber ist der eigenbrötlerische Manuel, ein alter Freund ihrer „Nini“. In der Abgeschiedenheit des einfachen Dorfes findet Maya wieder zu sich selbst, nicht zuletzt beschützt vom „Geist“ des Großvaters.

Ist bestimmt nett und unterhaltsam, wenn man Fan von Allende ist.

 

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Leanne Hall: Die Nacht von Shyness

Wenn zwei Gestalten mit Namen wie „Wildgirl“ und „Wolfboy“ aufeinandertreffen, dann klingt das ganz nach der Sorte Jugendbuch, die zur Zeit den Markt überschwemmt. Und tatsächlich spielt „Die Nacht von Shyness“ in einer Stadt, in der die Sonne nicht mehr aufgeht (während sie es in den Nachbarstädten sehr wohl tut) und in der seltsame Menschen anzutreffen sind. Eben solche wie Wolfboy, der ziemlich behaart ist, ab und zu heulen muss und erstaunlich schnell und scharfsichtig ist.

Wildgirl dagegen kommt aus einer „normalen“ Wohngegend und hat ihre eigenen Gründe, in Shyness ihren Alltag vergessen zu wollen.

Die beiden kommen ins Gespräch, sind sich mehr als sympathisch und bestehen sogar ein nicht ungefährliches Abenteuer zusammen. Wie gut kann man sich in einer Nacht kennenlernen? Und was passiert, wenn es für Wildgirl doch wieder Morgen werden muss?

Leanne Hall erzählt die Geschichte kapitelweise abwechselnd aus der Sicht von Wildgirl und Wolfboy. Ein richtig gelungenes Jugendbuch, in dem auch die Fantasy-Elemente ganz natürlich wirken und das vor allem von den Protagonisten lebt.

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Tana French: Schattenstill

Auf keine Neuerscheinung habe ich mich in diesem Sommer mehr gefreut als auf den neuen Krimi von Tana French. Und meine (zugegebenermaßen ziemlich hohen) Erwartungen wurden nicht enttäuscht!
Wie immer steht ein charismatischer Ermittler im Mittelpunkt der Geschichte, wie immer entwickelt sich beim Lesen ein starker Sog, der dafür sorgt, dass man das Buch nur sehr unwillig aus der Hand legt.
Der Mordfall ist diesmal ungewöhnlich grausam: Zwei kleine Kinder wurden erstickt, Vater und Mutter niedergestochen, wobei die Frau schwer verletzt überlebt hat. Welche Tragödie hat sich in der unheimlichen Siedlung „Broken Harbour“ zugetragen, die eigentlich ein Vorzeige-Stadtteil werden sollte?
Detective Kennedy und sein neuer Partner müssen um jedes Puzzleteil ringen. Zudem ist der Polizist gezwungen, sich seinen eigenen Dämonen stellen, denn am Strand von Broken Harbour ist viele Jahre zuvor seiner Familie etwas Furchtbares zugestoßen.
Die „Zutaten“ erinnern schon ein wenig an den ersten French-Krimi („Grabesgrün“), dennoch wird man unweigerlich von der unheimlichen Atmosphäre und den emotionalen Verstrickungen des Romans gefangen genommen. Zudem gelingt es der Autorin beeindruckend gut, die düstere Stimmung im Land nach Irlands wirtschaftlichem „Absturz“ zu beschreiben. Tana Frenchs Bücher sind keine herkömmlichen Krimis, sondern eigentlich eher irische (Familien-) Tragödien.

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