Hector Tobar: In den Häusern der Barbaren

Ein Sozialdrama, das augenzwinkernd erzählt wird.

Das Ehepaar Thompson-Torres hat ein schickes Haus mit einem tropischen Garten, die richtigen Freunde, zwei wohlgeratene Söhne und drei mexikanische Hausangestellte. Bis die Firma von Scott Torres den Bach runtergeht.

Zwei der drei Hausangestellten werden entlassen, darunter auch der Gärtner. Der Garten verfällt – Sinnbild für die Krise der Familie. Nach einem furchtbaren Streit verlassen beide Eheleute das Haus, im Glauben, der jeweils andere würde sich um die Kinder kümmern. In Wahrheit jedoch ist nur Araceli für die Jungen da. Die junge Mexikanerin spricht nur gebrochen Englisch und hat keine Ahnung, warum und wohin ihre Arbeitgeber plötzlich verschwunden sind.

Weil sie Angst vor der Polizei hat und um die Jungen vor dem Pflegeheim zu bewahren, versucht Araceli, die Kinder zu ihrem Großvater Torres zu bringen, der in der Nähe wohnen soll. Ohne eine genaue Adresse zu kennen, machen sich die Drei auf den Weg…

Tage später stellen die Torres-Thompsons fest, dass ihr Söhne nicht zuhause sind und schalten natürlich sofort die Polizei ein, die von einer Entführung ausgeht. So machen Polizisten und Reporter Jagd auf die junge Mexikanerin, die nicht fassen kann, plötzlich als Verbrecherin dazustehen. Ihr Fall wird zum Schlachtfeld für Politiker, Staatsanwälte, Jugendamt und Polizei.

Einerseits geht Hector Tobar das Thema engagiert an, andererseits nimmt er es auch nicht so ernst, dass er jeglichen Humor verliert. Immerhin hat er für seine  Heldin Araceli ein fast kitschiges Happy-End vorgesehen.

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Lian Hearn: The Harsh Cry of the Heron

Der vierte Band der „Otori-Saga“ steht tatsächlich schon seit 2008 in meinem Regal. Keine Ahnung, warum ich ihn nicht im Anschluss an den dritten Band gelesen habe – immerhin habe ich mir sogar die englische Ausgabe bestellt, um nicht auf die Übersetzung warten zu müssen!

Als ich neulich mal nichts zu Lesen hatte, habe ich es also endlich hervorgeholt und musste mich erstmal mühsam besinnen, was bisher geschah…

Angesiedelt sind die Romane in einem fiktiven Land, dass unschwer als Japan zu erkennen ist (auch wenn man es keiner realen japanischen Landschaft zuordnen kann)  zu einer Zeit, in der die ersten „Barbaren“ das Inselreich besuchen und Feuerwaffen mitbringen.

Erzählt wird die Geschichte des Waisenjungen Takeo, der von einem Fürsten adoptiert wurde und zum Herrscher über drei Länder wird. In diesem vierten Band regiert er bereits seit sechzehn Jahren und bereitet seine älteste Tochter darauf vor, sein Erbe anzutreten. Doch der Frieden in den drei Ländern wird von außen bedroht und auch innerhalb der Familie hat Takeo zu kämpfen: Sein Schwager hegt einen alten Groll gegen ihn und will ihn stürzen sehen.

Kämpfe, Intrigen, Liebe und Loyalität: Ein praller, spannender Roman, nicht nur für Japan-Fans. (Denen zumindest ist hoffentlich klar, dass nach alter asiatischer Sitte nicht unbedingt mit einem Happy-End zu rechnen ist…)

Die Bücher „Der Clan der Otori“ 0 – 4 sind bei Carlsen (also als Jugendbücher) erschienen und bieten tolle, spannende Unterhaltung. Mein Tipp für Jungs ab fünfzehn, die keine Lust auf Fantasy haben.

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Alan Bradley: Flavia deLuce – Vorhang auf für eine Leiche

Colonel de Luce ist nach wie vor pleite, die Familie droht ihren Stammsitz „Buckshaw“ endgültig zu verlieren. Also sieht sich Flavias Vater zu einem drastischen Schritt gezwungen: Er vermietet das Haus kurz vor Weihnachten an eine Filmfirma für Dreharbeiten. Der Regisseur, die Schauspieler und jede Menge Assistenten und Techniker fallen über das Heim der de Luces her.

Flavia zieht sich bei dem Rummel am liebsten in ihr Chemielabor zurück – aber nur, bis die Hauptdarstellerin des Films ermordet wird…

Der neue (vierte) „Flavia“-Band ist genauso entzückend wie seine Vorgänger! Ich mag die pfiffige Heldin und die wunderbar britische Atmosphäre. Das absolut richtige Buch für die Vorweihnachtszeit! Man sollte allerdings die vorigen Bände kennen. Oder mit dem ersten Teil („Mord im Gurkenbeet“) beginnen.

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Manfred Spitzer: Digitale Demenz

Pflichtlektüre für Pädagogen! Viele Fachleute halten Spitzers Theorien für übertrieben, ihn selbst einfach für technikfeindlich und rückwärtsgewandt.

Er kann jedoch eine Menge Untersuchungen anführen, die gegen eine naive High-Tech-Begeisterung sprechen. Die Auswirkungen unserer „digitalen“ Lebensweise auf unser Gehirn sind in etlichen Bereichen noch gar nicht abzusehen.

Ein interessantes und wichtiges Buch, das allerdings für Laien nicht immer leicht zu lesen ist.

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Voossen/ Danielsson: Später Frost

Der erste Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss ragt nicht aus dem Meer der Schwedenkrimis heraus – wie so häufig geht es um einen Mordfall, dessen Motiv in der Vergangenheit liegt, im Zweiten Weltkrieg.

Ingrid Nyström und ihre neue Kollegin Stina Forss, die gerade von Berlin ins beschauliche Växjo (Smaland) gezogen ist, haben kaum ihre Zusammenarbeit aufgenommen, da gibt es schon eine Leiche: Der greise Engländer Balthasar Frost wird grausam verätzt und verstümmelt in seinem Gewächshaus gefunden.

Laut Klappentext ein „hochspannender, psychologisch komplexer und gesellschaftlich brisanter Fall“, aber ich hatte Mühe, bis zum Ende durchzuhalten. Kann man lesen, muss aber auch nicht sein.

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Zoran Drvenkar: Der letzte Engel

Ein ziemlich komplexes und auch sehr seltsames Jugenbuch. Im Mittelpunkt steht der 16jährige Motte, der eines Nachts eine seltsame E-mail bekommt: „sorry für die schlechte nachricht, aber wenn du aufwachst, bist du tot…“

Und tatsächlich sieht Motte am nächsten Morgen seinen toten Körper auf dem Bett liegen. Und das ist nicht sein einziges Problem: Jemand will ihn gänzlich vernichten. Aber er bekommt auch unerwartete Hilfe…

Wenn Zoran Drvenkar nicht so verdammt gut schreiben würde, hätte ich das Buch wahrscheinlich nach 50 Seiten weggelegt. Aber er schafft es, den Leser (oder zumindest diese Leserin hier) in den Bann zu ziehen, auch wenn er ihn (oder in diesem Fall mich) gleichzeitig zur Weißglut treibt, weil zunächst nichts richtig erklärt wird, es für die seltsamen Handlungsstränge kaum Erklärungen gibt. Das Buch endet sehr plötzlich, die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende – ich hoffe auf Aufklärung im nächsten Buch!

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Boris Akunin: Die Moskauer Diva

Für mich war am letzten Freitag schon Weihnachten, denn der neueste „Fandorin“-Band von Boris Akunin ist eingetroffen! Erschienen ist er schon im letzten Jahr – und ich habe es nicht mitbekommen…

Und das kam so: Nach „Die diamantene Kutsche“ im Jahr 2003 sind bis 2007 nur noch zwei Bände mit Erzählungen erschienen, danach lange nichts mehr, so dass ich meine Befürchtungen bestätigt sah, dass der nichtswürdige Autor seinen strahlendsten Helden eingemottet und dessen Anhänger schmählich im Stich gelassen hat.

Irgendwann schaut man dann auch gar nicht mehr erwartungsvoll in die Vorschauen aus dem Aufbau-Verlag, weil die halbjährliche Enttäuschung  (Frühjahr- und Herbstprospekt) so schmerzlich ist. Ich weiß nicht, welcher glücklichen Fügung es zuzuschreiben ist, dass ich neulich trotzdem noch einmal recherchiert habe, ob es von meinen liebsten Krimiautoren etwas Neues gibt. Also habe ich „Boris Akunin“ in die Buchkatalog-Suchmaschine eingegeben und – oh Wunder!! – wurde auf einen Fandorin-Band aufmerksam, dessen Titel mir nicht geläufig war.

Wurde vielleicht wieder ein älteres Buch unter einem neuen Titel herausgegeben, wie es Verlage zuweilen machen? Nein! Originalausgabe 2011! Was für eine Freude! (Die währte allerdings nur zwei Tage lang – ich war maßlos und habe wieder viel zu schnell gelesen… Bis die Wirkung der Akuninschen Ausdrucksweise nachlässt, kann es allerdings noch dauern.)

P.S.: Das Buch ist natürlich in die Kategorie „Sofort kaufen und lesen!“ eingestuft, weil es für mich die einzige Krimireihe ist, die ich bis an mein Lebensende weiter verfolgen möchte. Wer allerdings noch keins der Bücher kennt, sollte unbedingt mit dem ersten Band, „Fandorin“, beginnen.

 

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Caitlin Moran: How to be a Woman

Die britische Journalistin (Jahrgang 1975) nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund. Bei Themen wie Sex, Körperbehaarung oder Menstruation schon gar nicht. Rüde, aber klug nimmt sie Stellung zu den Fragen, die im Leben fast aller (jungen) Frauen auftauchen.

Moran verachtet Stringtangas und ähnlich armselige Unterwäsche und singt ein Loblied auf Schuhe, in denen Frauen sogar OHNE SCHMERZEN laufen können – allein das macht sie mir schon sehr sympatisch! Auch wenn ihre Ausdrucksweise feinsinnigen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treibt, werde ich dieses Buch gern meiner Nichte zum 16. Geburtstag schenken (…naja, vielleicht lieber zum 18.)

Nebenbei: Wie notwendig dieses Buch ist, wurde mir klar, als ich neulich die „Dorstener Zeitung“ las. Auf einer Jugendseite sollten Mädchen und Jungen (im Alter von 16-18 Jahren, wenn ich mich recht entsinne) beschreiben, was sie gut daran fänden, mal einen Tag lang dem anderen Geschlecht anzugehören. JEDES der Mädchen meinte, es wäre toll, morgens im Bad nicht soviel Aufwand treiben zu müssen – einfach nur duschen, Gel in die Haare strubbeln und fertig… (So, Mädels, an dieser Stelle mal ein revolutionärer Tipp: LASST ES EINFACH SEIN!! Bei jedem Friseur gibt´s schicke Kurzhaarschnitte, die innerhalb von drei Minuten geföhnt und gestylt sind. Und siebzehnjährige Haut braucht nun wirklich kein Makeup!! Aber das nur am Rande…)

Caitlin Moran ist eine fröhliche, lebenslustige und wirklich witzige Feministin – davon brauchen wir noch ein paar Millionen mehr!

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Mark Alan Smith: Der Spezialist

Wie kann es nur sein, dass eine Buchhändlerin nix zu Lesen im Haus hat? Gut, ich lese gerade zwei Sachbücher (eine gebundene Ausgabe zuhause und ein Taschenbuch unterwegs), aber irgendwie brauchte ich am Wochenende Lese-„Fastfood“ und habe mir einen Krimi geschnappt, den sich mein Mann ausgesucht hat. Eigentlich viel zu brutal für mich, es geht nämlich um einen Spezialisten für „Informationsabruf“, also um jemanden, der für Geld Menschen foltert. Huh…

Bei der Stange gehalten haben mich der angenehme Schreibstil und die Idee, dass der Protagonist seinerseits einen Spezialisten aufsucht, nämlich einen Psychiater. Außerdem ist er zwar überhaupt nicht zimperlich, kümmert sich aber meist um Menschen, die ihrerseits nicht ganz astrein sind, zum Beispiel „Mitarbeiter“ eines Mafia-Bosses. Und als ihm eines Tages ein zwölfjähriger Junge vorgesetzt wird, wendet er sich gegen seine Auftraggeber und rettet das Kind…

Die Handlung ist nicht sonderlich originell oder überraschend – eben solide Thriller-Kost für die nicht so zimperlichen Leser.

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Lily Brett: Lola Bensky

Die 19-jährige Lola Bensky hat es geschafft: Als Reporterin eines australischen Rockmagazins trifft sie auf die größten Stars der Sixties. Cher leiht sich ihre künstlichen Wimpern (ohne sie zurück zu geben!), sie freundet sich mit Jimi Hendrix an und wird von Mick Jagger zuvorkommend behandelt.

Richtig genießen kann sie ihr Glamourleben jedoch nicht. Sie ist ständig auf Diät und hat fast immerzu ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht den Wünschen ihrer Eltern entsprochen hat und Jura studiert.

Vater und Mutter haben den Holocaust überlebt und stellen besonders hohe Erwartungen an das Leben ihrer Tochter. Lola Bensky kann ihrerseits die bedrückende Atmosphäre um Schatten der vielen ermordeten Verwandten kaum ertragen.

Lily Brett erzählt wunderbar stimmungsvoll über die 60er Jahre, mit hintergründigem Humor und einer hinreißenden Heldin, deren Lebensgeschichte ihrer eigenen doch sehr ähnelt…

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