Melanie McGrath: Im Eis

Edie Kiglatuk lebt ein paar hundert Kilometer südlich des Nordpols und bessert ihr karges Lehrerinnengehalt als Jagdführerin auf. Die erfahrene Halb-Inuit sorgt dafür, dass „Südländer“ im Eis überleben. Doch eines Tages muss sie einen Toten zurück in ihr Dorf bringen – angeblich Opfer eines Jagdunfalls. Doch die Umstände scheinen Edie dubios, und sie beginnt, gegen den Widerstand der Dorfältesten, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Mit furchtbaren Folgen für sie und ihre Familie…

Die Engländerin McGrath arbeitet als Journalistin und wurde mit Sachbüchern bekannt. Ihrem Roman merkt man die aufwendige Recherche an: Das Leben der Inuit zwischen Tradition und Moderne ist fesselnd geschildert. Die eigentliche Sensation in dem packenden Krimi ist jedoch die Arktis. Beim Lesen bekommt man unwillkürlich Gänsehaut…

Wie es bei den Inuit heißt: „Die Südländer denken, Eis sei gefrorenes Wasser. Die Inuit wissen, Wasser ist nur geschmolzenes Eis.“

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Paul Ingendaay: Die romantischen Jahre

„Eines Tages wachte ich auf und fand mich in einen Versicherungsvertreter verwandelt.“ Allein schon für diesen Satz muss man den neuen Roman von Paul Ingendaay lieben! Aber natürlich gibt es noch viel mehr Staunens- Bewunderns- und Liebenswertes auf 460 Seiten.

Wer sich nicht vorstellen kann, völlig fasziniert in das Leben eines Versicherungsvertreters in einem niederrheinischen Dorf zu versinken, der wird hier eines Besseren belehrt. Aus Marko Theunissen, dem Protagonisten aus Ingendaays Debütroman, ist  ein hoffnungslos romantisch veranlagter Mann geworden – und ein Vertreter der „Rheinischen“ mit eigenem Büro in Kleinhoek. Zwischen seltsamen Kunden, fiesen Kollegen und einer Traumfrau (die leider verheiratet ist) mäandert er durchs Leben. Die zerbrochene Ehe seiner Eltern, das schwierige Verhältnis zu seinen Geschwistern – Markos Jugend prägt auch sein gegenwärtiges Leben.

Fesselnd, humorvoll, sprachlich bestechend: So macht deutsche Literatur Spaß!

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Stefan Bonner, Anne Weiss: Heilige Scheiße

Mit „Generation Doof“ ist das Autorenduo bekannt geworden – diese Abrechnung mit der eigenen Altersgruppe hat es im Jahr 2008 bis in Bestsellerlisten geschafft. Auch in ihrem neuen Buch bleiben Bonner und Weiss ihremThema treu: Wie steht die „Generation Doof“ zur Religion? Was hat es mit der Abwendung der Jüngeren von der Kirche auf sich?

Wer sich vom zuweilen etwas albernen Ton nicht abschrecken läßt, bekommt eine ziemlich genaue Beobachtungen in Sachen Spiritualität geliefert. Immer mehr Menschen wenden sich von den großen Kirchen ab, der Esoterikboom dauert an. Im „Supermarkt“ der Glaubensrichtungen gibt es jede Menge Angebote. Die eigentliche Frage (und der Untertitel des Buches) lautet jedoch: Wären wir ohne Religion wirklich besser dran?

Immerhin haben die christlichen Kirchen nach den letzten Skandalen ihr Monopol hinsichtlich Moral und Wertvorstellung eingebüßt – gerade bei jüngeren Menschen. Woran sollten sich diese „Heidenkinder“ also nun orientieren? Bonner und Weiss tendieren eindeutig zu einem humanistischen Weltbild, ohne Gläubige bloßzustellen. (Na gut, manchmal werden sie doch ein wenig hämisch, aber die sogenannten „Kreationisten“ z.B. fordern Spott ja auch geradezu heraus…)

Fazit: Locker und unterhaltsam präsentiert, also lesbar für alle, die vor der Radikalität eines Richard Dawkins zurückschrecken.

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Elly Griffith: Totenpfad

Ein prima Krimi „für Zwischendurch“: Die Archäologin Ruth Galloway wird plötzlich aus ihrem langweiligen Universitätsalltag gerissen. Die Leiche eines jungen Mädchens wird im Salzmoor entdeckt, nicht weit von Ruths Haus. Als Expertin für Ausgrabungen wird sie hinzugezogen – und beeindruckt den ermittelnden Beamten, Harry Nelson, sehr mit ihrer Professionalität. Nelson hatte gehofft, die Überreste eines Kindes zu finden, das zehn Jahre zuvor verschwunden ist, doch Ruth kann die Knochen auf die Eisenzeit datieren.

Dennoch läßt ihr der Fall keine Ruhe, erst recht nicht, als ein zweites Mädchen vermisst wird. Schon bald bilden sie und der Polizist ein Team, das einem Mörder gefährlich nahe kommt.

Spannend und ohne Schnörkel geschrieben, mit sympathischen Figuren und einer schön unheimlichen Landschaft.

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Jörg Juretzka: Freakshow

Sein zehnter Fall bereitet Kristof Kryszinski schlaflose Nächte: Als Wachmann soll er den Bau einer forensischen Klinik überwachen. Doch als wäre das nicht schon aufreibend genug in Anbetracht von Diebstahl, Sabotage und Mordversuchen auf der Baustelle, stehen die Auftraggeber nahezu Schlange beim Ruhrpott-Detektiv: Für einen belgischen Polizisten (bekannt aus „Rotzig und Rotzig“) soll er einen Jungen finden, für einen Versicherungsangestellten einen gestohlenen Bugatti und sein alter Freund Alfred wird von gewissenlosen Teenagern verfolgt und gequält. Nebenbei muss er auch noch seinen Hund Struppi aus einer Tierklinik befreien.

Es geht wieder Schlag auf Schlag im neuen Juretzka-Krimi – und wie immer muss Kristof Kryszinski einiges einstecken, bevor er die bösen Jungs (und Mädchen) zur Strecke gebracht hat.

Launiger Ton und rustikaler Humor: Der Krimi bietet genau, was die Fans des Mülheimer Autoren erwarten, aber auch nicht mehr… Vielleicht ist es ja der Gewöhnungseffekt – ich fand Juretzka schon mal witziger und spannender.

 

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Toni Jordan: Tausend kleine Schritte

Manchmal braucht man ja ein wenig länger als alle Anderen, um ein traumhaftes neues Buch zu entdecken.

„Tausend kleine Schritte“ ist von Christine Westermann schon im letzten Jahr sehr empfohlen worden. Aber erst jetzt, nachdem auch meine Kollegin es mir ans Herz gelegt hat, habe ich endlich angefangen zu lesen – und auch nicht so schnell wieder aufgehört! Endlich einmal wieder eine schöne, durchaus romantische Liebesgeschichte (sogar mit Happy-End), die weder Gehirnerweichung noch Karies verursacht.

Die Protagonistin (und Erzählerin) Grace Vandenburg ist eine schöne, intelligente und schlagfertige Zwangsneurotikerin. Im Gegensatz zu den bemitleidenswerten Keimphobikern kann sie ihren Zwang jedoch meist gut verbergen: Grace zählt alles. Zahlen bestimmen ihr Leben. Die Zahlen auf einer Uhr, die Anzahl der Mohnkörner auf ihrem Kuchen, ihre gesamte Umwelt muss in Zahlen gefasst werden. So lernt sie auch Seamus kennen. Als Anhängerin des Dezimalsystems kann sie unmöglich mit neun Bananen aus dem Supermarkt gehen, also „stiehlt“ sie eine aus dem Einkaufskorb eines anderen Kunden…

Kann dieser reale Mann womöglich den Platz in ihrem Herzen einnehmen, den bisher der Erfinder Nikola Tesla innehatte?

Überzeugend und mit viel Sympathie für ihre exzentrische Hauptfigur schildert Toni Jordan die Geschichte einer Frau, die sich als nicht „normal“ begreift – und dazu steht. Geradezu ein Plädoyer für etwas mehr „Verrücktheit“ im Leben!

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Cornelia Funke: Geisterritter

Nun haben auch die jüngeren Funke-Fans Grund zur Freude: Nach dem doch eher düsteren „Reckless“ ist ihr neues Buch eine spannende Geschichte, die sich für LeserInnen ab 10 Jahre eignet.

Im Mittelpunkt steht Jon Whitcroft, der eine wirklich unheimliche Episode aus seiner Schulzeit in Salesbury erzählt. Als Jon – gerade elf geworden – ins dortige Internat aufgenommen wird, ist er alles andere als glücklich. Seine verwitwete Mutter hat einen neuen Mann kennengelernt (einen Zahnarzt!) und Jon fühlt sich abgeschoben. Doch sein Selbstmitleid schlägt bald in blanke Angst um, denn vier geisterhafte Reiter verfolgen ihn und wollen ihn töten.

Glücklicherweise lernt er in der Schule Ella kennen, ein furchtloses Mädchen, dessen Großmutter alles über Geister weiß. So kommt Jon einem uralten Familienfluch auf die Spur – und wird Knappe des Geisterritters William Longspee…

Spannend  – und wunderbar erzählt! Den erwachsenen Jon Whitcroft als Erzähler einzusetzen ist ein gelungener Kunstgriff; durch die manchmal leicht ironische Distanz wird das Buch auch für „reifere“ LeserInnen noch interessant. Auch die Gestaltung ist besonders: Die Illustrationen von Friedrich Hechelmann sind märchenhaft!

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Jochen Mai/Daniel Rettig: Ich denke, also spinn ich

Dass Menschen keine besonders rationalen Wesen sind, hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen. Zum Beispiel im Bereich der Entscheidungsfindung hat der „Bauch“ eine Menge mitzubestimmen. Diese und andere Phänomene sind nicht nur für Psychologen (und die Werbebranche) interessant, sondern auch für Sie und mich und alle anderen Neugierigen.

Wenn Sie also wissen wollen, warum Sie am Wochenende Schnupfen bekommen (Gummiband-Effekt) oder was sich hinter dem Clooney-Effekt verbirgt, machen Sie sich schlauer mit diesem Buch. Neben der Wissensvermittlung bringt es jede Menge Spaß, denn die beiden Autoren, der Wissenschaftsjournalist Jochen Mai und der Diplom-Volkswirt Daniel Rettig, schreiben verständlich, locker und amüsant.

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Paula McLain: Madame Hemingway

Als Hadley Richardson kurz nach dem Tod ihrer Mutter nach Chicago fährt, trifft sie auf den acht Jahre jüngeren Ernest Hemingway. Der angehende Schriststeller umwirbt sie stürmisch,  nach ihrer Abreise schreibt er täglich Briefe. Obwohl eine gemeinsame Freundin sie warnt (und Hadley durchaus Ernests „dunkle“ Seiten sieht) heiraten die beiden schließlich und gehen nach Paris.

Jahre mit Höhen und Tiefen liegen vor ihnen, doch am Ende muss Hadley einsehen, dass Ernests Vorstellungen einer Beziehung mit ihren eigenen nicht vereinbar sind. Schließlich trennt sich Hemingway von ihr, um Pauline Pfeiffer zu heiraten, die zweite seiner vier Ehefrauen…

Paula McLain gelingt das Kunststück, den „Mythos“ Hemingway gerade so weit zu entzaubern, dass der Leser einen ehrgeizigen, manchmal noch unsicheren jungen Mann entdeckt, der von seiner Frau gefördert und unterstützt wird. Dabei schildert sie die Pariser Jahre so detailliert und atmosphärisch, als sei sie dabei gewesen.

Ein wunderschöner, elegant geschriebener Roman – ich hätte mir kaum vorstellen können, dass mich ein Buch über jemanden, der mich so wenig interessiert wie eben Ernest Hemingway, so fesseln könnte…

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Edgar Rai: Nächsten Sommer

Die Freunde Felix, Marc, Bernhard und Zoe hatten sich eigentlich nur zum gemeinsamen Fussballgucken verabredet. Doch am nächsten Morgen sitzen sie in Marcs uraltem VW-Bus Richtung Südfrankreich…

Denn Felix, der Erzähler, hat das Haus seines Onkels geerbt. Ein Haus am Meer! Aus den unterschiedlichsten Gründen treten sie die Reise ins Ungewisse (Felix war noch nie dort) an: Zoe flieht vor ihrem verheirateten Liebhaber, Bernhard möchte gern an Zoes Seite sein, Marc ist für jedes Abenteuer zu haben und Felix selbst sucht etwas, an dem er festhalten möchte.

Unterwegs passieren erstaunliche und gefährliche Dinge. An einem Rastplatz finden sie die wilde Lillith und Marc verliebt sich auf den ersten Blick in eine traurige Französin. Und das Haus am Meer muss sich Felix sogar in einem Schachduell mit seinem Erzfeind – dem eigenen Vater! – erobern…

Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, bekommt man als Buchhändlerin prima Lesetipps von Kunden. „Nächsten Sommer“ hätte ich nicht unbedingt auf meiner Leseliste gehabt, wenn ich nicht soviel Gutes darüber gehört hätte (Dank an Frau Schulte!)

Das Buch überzeugt mit seinem leichten, aber nicht leichtfertigen Ton. Auch wenn das eine oder andere Klischee nicht ausgespart wird, unterhält es auf intelligente Weise. Für mich der Sommertipp!

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