Benjamin Myers: Offene See

In einer Rezension des „Guardian“ wird dieser Roman mit J.L. Carrs „Ein Monat auf dem Land“ verglichen.
Ich finde auch, dass die Bücher eine ähnliche Atmosphäre haben, beide sind sprachlich klar und in gemächlichem Tempo erzählt.
Beide Romane eignen sich hervorragend dazu, sich einmal aus der alltäglichen Hektik auszuklinken und in die Behaglichkeit des englischen Landlebens einzutauchen.

Zum Inhalt: Im Nachkriegsengland möchten die Menschen, aller Einschränkungen zum Trotz, endlich wieder frei leben.
Das gilt auch für den jungen Robert. Ihm steht jedoch ein Arbeitsleben in Enge und Dunkelheit bevor: Wie alle Männer aus seiner Familie soll er im Bergwerk schuften. Dabei liebt er nichts so sehr wie die Natur, das Leben unter freiem Himmel.
Bevor er seine Stelle antritt, macht er sich im Frühsommer auf eine lange Wanderung, um wenigstens einmal das Meer zu sehen.
Am Ziel angekommen, trifft er zufällig auf eine ältere Dame, die in einem Cottage in Küstennähe lebt. Dulcie ist so anders als alle Menschen, mit denen Robert bislang zu tun hatte. Während er für sie Arbeiten in Haus und Garten erledigt und sie ihn bekocht, lernt Robert viel über die Liebe, das Leben, Musik und Literatur.
Er spürt, dass dieser Sommer seinem Dasein eine völlig neue Richtung geben wird – vor allem, als er einem schmerzliches Geheimnis auf die Spur kommt…

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Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

„Was bleibt, wenn die Sprache nicht mehr da ist?“ Diese Frage muss sich Michka eines Tages stellen. Sie ist alt. Nicht dement, aber die Wörter gehen ihr verloren und sie kommt auch sonst im Alltag nicht mehr gut zurecht.
Also verlässt sie ihre Wohnung und zieht in ein Seniorenheim.
Sie, die immer größten Wert auf Unabhängigkeit gelegt hat, erlebt das Ganze wie einen Alptraum.
Immerhin hat sie zwei junge Menschen an ihrer Seite, die ihr beistehen. Marie ist so etwas wie eine Ziehtochter. Michka hat sich immer um sie gekümmert, wenn Maries Mutter nicht in der Lage dazu war. Für Marie ist es selbstverständlich, sich nun ihrerseits nützlich zu machen – wie sonst sollte sie ihre Dankbarkeit ausdrücken?
Jerome dagegen hat beruflich mit Michka zu tun: Er ist Logopäde und will sie im Kampf gegen ihren Sprachverlust unterstützen, auch wenn er weiß, dass es nur ein Herauszögern sein kann.

Mit viel Feingefühl und sprachlicher Eleganz erzählt Delphine de Vigan von der letzten Lebensphase eines Menschen. Ich habe schon lange nicht mehr ein so wunderbares, trauriges, heiteres, kluges, bewegendes Buch gelesen!

 

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W. Schorlau, C. Caiolo: Der freie Hund

Commissario Antonio Morello, genannt „Der freie Hund“, hat in seiner Heimatstadt auf Sizilien korrupte Politiker verhaftet und steht nun auf der Todesliste der Mafia. Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, versetzt ihn sein Chef auf unbestimmte Zeit nach Venedig – ein Kulturschock!

Zu viele Menschen, trübes Wasser, Kreuzfahrtschiffe – und der Espresso schmeckt auch nicht! Morello würde am liebsten die Koffer erst gar nicht auspacken. Doch seine schöne Nachbarin Silvia und sein erster Fall halten ihn in der „Serenissima“.
Wer steckt hinter dem Mord an einem jungen Aktivisten, der gegen die permanente Überlastung der Stadt durch die Kreuzfahrtindustrie kämpfte?
Schon steckt Morello wieder mitten in einem Sumpf aus politischen und wirtschaftlichen Interessen – auch im Norden scheint die Mafia die Hände mit im Spiel zu haben…
Wolfgang Schorlau und sein venezianischer Co-Autor Claudio Caiolo beginnen mit diesem Roman eine Krimi-Reihe, die sich vielversprechend anlässt. Für alle, die ein Venedig jenseits der Donna-Leon-Krimis erleben möchten.

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Sigrid Nunez: Der Freund

Nichts an diesem Buch hat mich zunächst angesprochen. Das Cover finde ich furchtbar. Und freiwillig eine „Hundegeschichte“ zu lesen, käme mir nie in den Sinn.
Aber einem Roman, der immerhin mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet wurde, sollte man auf jeden Fall eine Chance geben.
Und was soll ich sagen? Ich habe das Buch in zwei Tagen verschlungen und war einfach beglückt, berauscht, begeistert! Für mich ist dieser Roman jetzt schon eines der Buch-Highlights des Jahres.
Die Protagonistin ist eine Schriftstellerin, die in New York lebt und mit dem Tod eines von ihr sehr geliebten Freundes fertig werden muss. Er, der Lebemann, der viermal Verheiratete, der Charmeur und begnadete Dozent, hat sich umgebracht.
Was bleibt ihr in ihrer Trauer? Wie soll sie damit umgehen? Ein wenig Hilfe kommt von unvermuteter Seite: Sie „erbt“ die riesige Dogge des Verstorbenen.
Auf eine völlig kitschlose, sehr reflektierte Art und mit vielen kulturhistorischen Bezügen beschreibt die Autorin, wie ihre Hauptfigur – vor allem durch den Hund an ihrer Seite – ihrer Trauer begegnen kann und diese nach und nach überwindet.
Das Buch besteht aber nicht nur aus Trauerbewältigung: Es gibt es immer wieder Spitzen gegen den Literaturbetrieb, die sehr amüsant zu lesen sind.
Ein rundum gelungener Roman!

 

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Markus Zusak: Nichts weniger als ein Wunder

„Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak habe ich geliebt!
Daher war ich begeistert, als sein neues Buch erschien.
Allerdings hat mich diese Geschichte nicht so sehr gefesselt…
Das Buch erzählt die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder, die nach dem Tod der Mutter plötzlich auf sich gestellt sind. Der Vater hat den Tod seiner Frau nicht verkraftet und die Söhne einfach verlassen.

So ist plötzlich Matthew, der älteste der Brüder (der auch als Erzähler fungiert) verantwortlich. Eine schwere Aufgabe, da er selbst mit dem Verlust der Eltern zu kämpfen hat. Er muss Geld verdienen anstatt die Universität zu besuchen. Hilfe bekommt er allerdings von der Lehrerin seines jüngsten Bruders.
Der Umgang der Brüder untereinander ist rau – teilweise gibt es körperliche Auseinandersetzungen – aber auch von Geschwisterliebe und Loyalität geprägt.
Schließlich ist es Clay, der wieder Kontakt zum Vater aufnimmt, obwohl seine Brüder ihn dafür abstrafen.

Das Buch besitzt eine unglaublich wuchtige Emotionalität, die mir manchmal schon zuviel war. Ich würde es aber dennoch gern vor allem jungen LeserInnen ans Herz legen.

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Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Natürlich zeugt es von wahrer menschlicher Größe, wenn man seinen Feinden vergibt. Aber wer liest nicht trotzdem gern eine Geschichte, in der Intrigen und Verrat mit einem Rachefeldzug geahndet werden?
Nicht erst seit „Der Graf von Montechristo“ wissen Leser es zu schätzen, wenn ein zugrunde gerichtetes Opfer sich nach und nach die Personen vorknöpft, die es in den Ruin getrieben haben.
Wenn die Geschichte dann auch noch so wunderbar elegant und ironisch erzählt wird wie hier, ist das Buch ein wahres Lesevergnügen!

Zum Inhalt: Madeleine Péricourts Vater, ein berühmter Bankier, verstirbt plötzlich im Jahr 1927 und macht damit seine Tochter zur Alleinerbin. Die junge Frau ist geschieden, hat einen kleinen Sohn und wenig Erfahrung im Bankengeschäft – so wird sie von den eigenen Verwandten und ihren Angestellten ausgenommen. In der Wirtschaftskrise von 1929 verliert sie ihr gesamtes Vermögen.
Doch Madeleine ist bei weitem nicht so hilflos und naiv, wie es scheint. Und langsam beginnt sich das Blatt wieder zu wenden…

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Mathijs Deen: Unter den Menschen

Jan lebt auf einem Bauernhof an der niederländischen Küste. Seine Eltern kamen bei einem Unfall ums Leben, seither ist er allein. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen, also gibt er eine Anzeige auf: „Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha.“

Daraus entwickelt sich eine ganz eigenwillige Liebesgeschichte, die so gar nichts mit „Bauer sucht Frau“ zu tun hat. Auf Jans Anzeige meldet sich nämlich Wil. Sie sucht gar keinen Partner, sondern ein Haus mit Meerblick und ist bereit, Jan dafür in Kauf zu nehmen.
Es läuft von Anfang an nicht gut mit den beiden: Jan schweigt, Wil ist übergriffig. Wird aus zwei inkompatiblen Außenseitern doch noch so etwas wie ein Paar?
Ich fand das Buch ein wenig spröde und die Hauptfiguren zuweilen irritierend, aber es hat mich nach und nach doch gefesselt.

 

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Dörte Hansen: Mittagsstunde

Eine wunderbare Lektüre für ein Wochenende in Ostfriesland! (Leider war der Himmel dort genau wie am Anfang des Buches beschrieben: schwer und grau. Aus dunklen, tiefhängenden Wolken regnete es unablässig…)
Obwohl das Buch eine eher melancholische Grundstimmung hat, machte das Lesen viel Freude!
Ich hatte viel Spaß an den plattdeutschen Dialogen, dem unvermutet aufblitzenden feinen Humor der Autorin und den liebevoll gezeichneten Figuren.
Wer jemals auf dem Dorf gelebt hat, sollte dieses Buch lesen. Und alle anderen natürlich auch!

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Eine Herausforderung!

Neulich wurde ich von einer (facebook-)Freundin aufgefordert, an einer „Challenge“ teilzunehmen.
Die Aufgabe war, sieben Tage lang jeweils das Bild eines Buches auf facebook zu posten. Einfach so, ohne Erläuterungen oder Kommentare.
Der Reiz liegt natürlich in der individuellen Bücher-Auswahl der Mitmachenden.

Mit welchen sieben Titeln möchte man sich der facebook-Gemeinde präsentieren?
Ich habe mich für folgende entschieden:

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Aidan Truhen: Fuck You Very Much

Ich sehe Sie quasi mit dem Kopf schütteln und sich fragen, was die Buchhändlerin für einen Schund liest. Zu meiner Ehrenrettung: Dieser Titel ist in einem namhaften Literaturverlag erschienen, nämlich bei Suhrkamp.

Und es ist ein richtig guter, sehr schräger, sehr schwarzer Krimi!
Die Handlung ist weder neu noch originell: Der Protagonist, Drogendealer (seitdem er die Lust am Kaffeegeschäft verloren hat), verärgert einen anderen Gangster, man setzt einen Killertrupp auf ihn an, er muss schneller sein als die bezahlten Mörder.
So weit, so üblich… ABER! Aidan Truhen (ein Pseudonym, der Autor ist nicht bekannt) hat einen so außergewöhnlichen Stil, sein Protagonist Jack Price reißt einen mit seiner fiebrigen Geschwätzigkeit so mit, dass einem beim Lesen fast schwindlig wird.
Wortwitz, schräge Mordmethoden und philosophische Betrachtungen: Mit Sicherheit kein Krimi für Brunetti-Fans. Dafür setzt Truhen neue Maßstäbe in Sachen Coolness.

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