Michaela Murgia: Accabadora (Wagenbach)


Gemäß einem alten sardischen Brauch nimmt die alleinstehende Bonaria Urrai die kleine Maria als ihre Tochter an. „Fillus de amina“, Kinder des Herzens, so nennt man hier die „Adoptierten“. Marias leibliche Mutter hat schon mehrere Mädchen bekommen, ihre jüngste Tochter ist für sie kaum mehr als ein lästiges Anhängsel. Zwischen der alten Schneiderin und dem kleinen Mädchen entsteht bald eine besondere Vertrautheit. Allerdings hütet Bonaria ein Geheimnis, das Maria erst als junge Frau lüften wird…

Das Buch führt uns in eine fast archaisch anmutende Dorfgesellschaft Sardiniens; die behutsame, aber genaue und wunderbar schlichte Sprache machen das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis. Für alle, die z.B. Maria Barbals „Wie ein Stein im Geröll“ gerne gelesen haben.

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Alexandra Kui: Wiedergänger (Hoffmann & Campe)

Liv Engel, Sprengmeisterin, hat nicht nur die Firma ihres Großvaters Tönges Engel geerbt, sondern auch sein schwieriges Temperament. Sie ist die Einzige in der Familie, die ihm nahesteht – daher auch die Einzige, die sein Verschwinden nicht erleichtert hinnimmt.

Der zurückhaltende Großvater hat ihr Vieles verschwiegen – zum Beispiel seine Schwester, die nach dem Krieg nach Island ausgewandert ist und an der er immer noch sehr hängt. Die Beiden verbindet mehr als nur Geschwisterliebe: Sie sind auch Komplizen im Mord am eigenen Vater.

Nicht im mindesten ahnend, worauf sie sich einläßt, reist Liv nach Island, um ihre verschwundene Großtante und womöglich auch ihren Großvater zu finden. Doch die eisige Insel stellt Liv vor Herausforderungen, die sie sich nimals hätte vorstellen können…

Nicht unspannend, aber mit mehr als nur einem Hauch Mystik. Island ohne Elfen, Trolle und Gespenster geht wohl nicht, auch wenn sie meist nur in der Fantasie der Bewohner auftauchen. Dazu noch ein Fluch, der generationenübergreifend zuschlägt… Für Fans von Jan Theorins „Nebelsturm“ auf jeden Fall etwas, also für LeserInnen, die eine Mischung aus Krimi und Grusel mögen.

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Nicol Ljubic: Meeresstille (Hoffmann & Campe)

Ein Prozess in Den Haag: Vor Gericht stehr Zlatko Simic, womöglich Schuld am qualvollen Tod von zweiundvierzig Menschen. Im Zuschauerraum sitzt Robert, Sohn kroatischer Eltern, in Deutschland aufgewachsen, dem der Krieg in Jugoslawien nie nahe gegangen ist.

Doch die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Er hat sich in Ana Simic verliebt, die Tochter eben jenes mutmasslichen Kriegsverbrechers.

In Rückschauen erzählt Robert seine Beziehung zu Ana, die durch sein Wissen um ihren Vater auf eine schwere Probe gestellt wird.

Ein stiller, melancholischer Roman, sicherlich auch ein wichtiges Thema – ich kann allerdings nicht behaupten, dass er mich in irgendeiner Weise gefesselt hat. Andererseits war er aber auch nicht so langweilig, dass ich ihn weggelegt hätte. Kategorie: Kann man lesen, muss man aber nicht…

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Bettina Belitz: Splitterherz (Script 5)

Und noch ein Buch für die „Twilight“-Gemeinde!

Diesmal von einer Deutschen Autorin, also spielt sich das Ganze in unserem beschaulichen Lande ab – und zwar im Westerwald. Hierhin, in die tiefste Provinz, verschlägt es das Mädchen Ellie. In Köln aufgewachsen, findet sie das Landleben, das ihre Eltern so begeistert, einfach nur furchtbar. Bis sie einem (natürlich) absolut aufregenden jungen Mann (?) über den Weg läuft. Colin Blackburn trainiert Karate und reitet auf einem riesigen schwarzen Pferd durch den Wald. Er rettet Ellie aus einem Unwetter, gibt sich aber wortkarg und arrogant.

Klar, dass sich die temperamentvolle Ellie sofort in den mürrischen Einzelgänger verliebt. Und ebenso klar, dass es sich bei Colin nicht einfach um einen Menschen mit Sozialphobien handelt, sondern um ein übernatürliches Wesen, dass Ellie und ihrer Familie gefährlich werden kann…

Immerhin ist die Hauptfigur nicht so ein Jungfräulein mit Hang zur Selbstaufgabe wie „Bella“ aus „Twilight“, sondern ein sympathisches, gestandenes Mädel mit erotischer Erfahrung, dass zudem kein Blatt vor den Mund nimmt.

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Ken Bruen: Jack Taylor liegt falsch (Atrium)

Das Buch habe ich auf der Bücherbörse in Oberhausen von einem Verlagsvertreter in die Hand gedrückt bekommen. „Hier! Irischer Krimi – sehr schön! Je betrunkenen die Leute sind, desto trockener der Humor…“

Auf dem Einband steht groß der Name des Übersetzers: Harry Rowohlt- damit kann man ja kaum was falsch machen. Unrecht hat der Vertreter jedoch mit der Behauptung, ich könne einfach so diesen zweiten Teil der Jack-Taylor-Reihe verstehen, ohne den ersten gelesen zu haben. Ich habe zwischendurch deutlich das Gefühl, ich sollte mehr über die Vergangenheit des versoffenen Protagonisten wissen. Aber gut… man reimt sich so einiges zusammen.

Jack Taylor ist bei der Polizei ´rausgeflogen, nach längerem Aufenthalt in London in seine Heimatstadt Galway zurückgekehrt und soll eine Mordserie aufklären. Da die Ermordeten zum „Fahrenden Volk“ gehören, ist der Einsatz der Polizei eher sparsam. Sweeper, der Clanchef der „Tinker“, engagiert deshalb Jack. Kaum macht sich der koksende Alkoholiker an die Arbeit, wird er auch schon böse zusammengeschlagen…

Hard-boiled, charmant, versoffen: Ein Bilderbuch-Irland? Was die Romanfiguren an einem Abend wegschlucken -und schiefen reicht wohl, um drei bis vier Normalbürger ins Koma zu versenken.

Ein Loblied auf irische Kneipen, irische Frauen und – irische Literatur! Denn sogar harte Männer lieben Lyrik!

Ich nehme an, Harry Rowohlt hatte einen Mordsspaß beim Übersetzen, und wahrscheinlich noch mehr bei der Recherche vor Ort…

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Roy Jacobsen: Das Dorf der Wunder (Osburg Verlag)

Minus 40 Grad Celsius im Winter 1939, die Sowjetunion überfällt Finnland.

Die Stadt Suomussalmi wird auf Befehl des Militärs geräumt und zerstört, damit die anrückenden Russen weder Nahrung noch Unterkunft finden. Einzig der Holzfäller Timo Vatanen weigert sich, den Ort zu verlassen. Er bleibt und kümmert sich um die wenigen Häuser, die dem Feuer entgangen sind. Als russische Soldaten auftauchen, wird er wunderbarerweise nicht erschossen, sondern als Holzfäller eingesetzt, zusammen mit einigen russischen Gefangenen.

Schnell wird den Soldaten klar, dass sie Timo und die anderen Holzfäller brauchen, um den eisigen Winter zu überstehen. Und Timo wird zum Helden wider Willen, als er Freundschaft mit seinen Mitgefangenen schließt. Als die finnische Armee näher rückt, will er mit ihnen fliehen – ein gewagter Plan, denn die nahe Frontlinie und die eisige Kälte sind gegen die kleine Schar…

Jacobson läßt seinen Ich-Erzähler Timo in einer klaren, einfachen Sprache die unglaublichen Ereignisse jenes Winters schildern. Sehr atmosphärisch, man spürt fast die gnadenlose Kälte des finnischen Winters.

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David Peace: Tokio im Jahr Null (Liebeskind Verlag)

Für diesen Roman bekam David Peace den Deutschen Krimipreis in der Kategorie „International“.

Ein wirklich außergewöhnlicher Krimi! Die Handlung spielt in Tokio im Jahr 1946. Die Stadt ist ein Trümmerhaufen, die Menschen haben Hunger und leiden unter der Niederlage Japans.

Als einige erdrosselte junge Frauen gefunden werden, bekommen Inspektor Minami und seine Gruppe einen der Fälle zugeteilt. Für den Inspektor entwickelt sich der Fall zum Alptraum – der Täter ist zwar wahrscheinlich gefasst, ihm müssen die Morde aber einzeln nachgewiesen werden. Minami wird im Verlauf der Ermittlungen immer mehr mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, mit schrecklichen Erlebnissen, die er verdrängt hat. Ständig völlig übermüdet, weil er ohne Medikamente nicht schlafen kann, gerät er in eine Welt, in der er Wahn und Wirklichkeit kaum mehr auseinanderhalten kann.

Atemberaubend und sehr beklemmend! David Peaces nicht immer einfache, aber ungewöhnliche Sprache transportiert die gehetzte, überreizte Atmosphäre ziemlich gut. Die Schlaflosigkeit, die Hitze, der Hunger, die Angst: Peace läßt den Leser nicht zur Ruhe kommen. Ein Buch für anspruchsvolle Krimifans!

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Robin Felder: Unsympath (edel Germany)

Den Ich-Erzähler des Romans, Peter Weidner, als arrogant und beziehungsunfähig zu bezeichnen, ist eher geschmeichelt. Als Musikproduzent zu viel Geld gekommen, muss er für seinen Lebensunterhalt nicht mehr viel arbeiten und langweilt sich schnell. Sein Hobby: Frauen „daten“. Er verabredet sich mit Frauen, zu denen er per Inserat Kontakt bekommt. Die Frauen werden durchnummeriert, benotet, mit Bemerkungen versehen. Diese Affären sind präzise durchgeplant – wie sein ganzes Leben. Alles ist für ihn ein Rollenspiel, in dem er pefekt sein will. Aber manchmal bröckelt die Fassade ein wenig, sein Selbsthass und der Abscheu vor anderen Menschen bricht durch. Allmählich machen sich Gewaltfantasien in seiner Vorstellung breit.

Es ist schon eine Kunst, wie Robin Felder den Leser/ die Leserin zum Komplizen des „Unsympathen“ macht. Auch wenn die Figur Verärgerung oder Abscheu hervorruft, wird man doch völlig in den Bann dieses Menschen gezogen, der gestört ist, aber auch intelligent und reflektiert genug, um das selbst zu bemerken.

Eine außergewöhnliche Geschichte – auf jeden Fall eines der interessantesten Bücher in diesem Frühjahr!

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Vincent Overeem: Misfits (Berlin Verlag)

Es begann als leidenschaftliche Liebesbeziehung: Der junge Ich-Erzähler ist ganz verzaubert von seiner schönen Freundin Kaat. Sie verbringen aufregende Tage und Nächte miteinander, doch dann legt sich eine Hitzewelle über die Stadt und Kaat will keinen Sex mehr. Sie wirkt launisch, geradezu neurotisch und trifft sich, so ist der Junge allmählich überzeugt, hinter seinem Rücken mit seinem Vermieter Stadig, den sie doch angeblich nicht austehen kann. Immer wieder versucht der Junge, hinter ihr Geheimnis zu kommen, doch es stellt sich heraus, dass er selbst viel mehr verbirgt – auch vor seiner Geliebten.

Erst Liebe, Freundschaft und eine Familientragödie – ein umwerfendes Debüt! Ich hoffe, man liest bald mehr von dem jungen Niederländer!

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Kristof Magnusson: Das war ich nicht (Kunstmann Verlag)

Auf jeden Fall jetzt schon eines meiner Lieblingsbücher im Frühjahr! Magnusson schreibt angenehm schnörkellos und gradlinig spannend.

Drei Menschen geraten mehr oder weniger zufällig aneinander: Übersetzerin Maike flieht aus ihrem spießigen Leben und dem gutbürgerlichen Hamburger Freundeskreis in ein baufälliges Haus hinterm Deich. Sie braucht Geld – doch der amerikanische Starautor, den sie übersetzt, scheint mit seinem neuen Roman nicht voranzukommen. Frustriert fliegt Maike in die USA, auf der Suche nach Henry LaMarck. Der hat seine eigenen Probleme: Seit er in einer Talkshow vollmundig den großen Roman zu 9/11 angekündigt hat, bringt er keine Zeile mehr zu Papier.

Inspiration findet er letztendlich durch das Foto eines jungen Bankers, dass er in einer Zeitung sieht. Im Bankenviertel trifft er auf den jungen Mann, Jasper Lüdemann aus Deutschland, der allerdings ganz tief in Schwierigkeiten steckt: Um einem Kollegen zu helfen, hat er Scheinbuchungen getätigt und löst damit einen Teufelskreis aus. Aus einem kleinen Zock wird plötzlich ein Millionenschaden, und das ist erst der Anfang…

Als Jasper und Maike sich in einer Kaffeebar begegnen, während sie Henry LaMarck sucht und der Schriftsteller wiederum dem Banker begegnen möchte, beginnt ein fulminantes Verwirrspiel zu dritt. Wunderbar komisch!

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