Horst Evers: Für Eile fehlt mir die Zeit

Der gute, alte Horst! Immer wieder eine Freude!

Laut Verlag schreibt er „kleine, liebevolle und lustige Geschichten aus dem Hier und Jetzt“. Horst hat Verständnis für skurrile Situationen und Menschen. Er will die Welt ein wenig besser machen, z. B. indem er sich auf der Frankfurter Buchmesse für möglichst viele Bücher entschuldigt…

Wunderbare Kurzprosa, die manchmal vom Leben imitiert wird, wie gerade eben, hier in unserer kleinen Buchhandlung, mit folgendem Dialog:

Kundin: „Haben Sie hier Bücher über Nageldesign?“

Buchhändlerin: „Tut mir leid, da habe ich nichts vorrätig…“

Kundin: „Ich hab noch `ne zweite Frage: Verkaufen Sie Vier-Fahrten-Scheine?“

Buchhändlerin: „Nein, Fahrscheine haben wir gar nicht.“

Kundin: „Ja, dann schau ich noch mal…“ und verlässt den Laden.

Wenn man gerade Horst Evers gelesen hat, denkt man lange über solche Gespräche nach. Seine Bücher sind nicht nur umwerfend komisch, sondern sensibilisieren auch für die wunderbare Absurdität im eigenen Alltag…

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Martin Suter: Allmen und die Libellen

Ich bin ja wirklich ein Fan des Diogenes-Verlags. Die Schweizer machen handwerklich schöne und lesenswerte Bücher. Und als Buchhändlerin bin ich auch überhaupt die Letzte, die über Buchpreise meckern sollte… aber…

Die noch nicht einmal zweihundert Seiten des neuen Suter habe ich an meinem freien Nachmittag mal eben inhaliert und bin daher dem Verlag extrem dankbar für das Leseexemplar, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich 18.90 €  für das Büchlein hätte ausgeben wollen. (Na gut, ich bekomme es EIN WENIG billiger, aber wir wollen nicht feilschen…)

Der erwähnte freie Nachmittag war sehr vergnüglich: Draußen Sch…wetter, drinnen die Buchhändlerin – versunken ins Buch (Hausarbeit läuft ja bekanntlich nicht davon) und völlig verzückt von Allmen, dieser durchweg sympathischen Figur, die Suter im ersten Band seiner neuen Krimi-Reihe vorstellt.

Johann Friedrich von Allmen ist ein stilvoll verarmter Gentleman, ein Ästhet mit vollendeten Umgangsformen und nicht der geringsten Ahnung von Geldanlage. Er hat es tatsächlich innerhalb weniger Jahre geschafft, die vom Vater geerbten Millionen auszugeben. Weil ihm die Großzügigkeit liegt, weil er gern schöne Dinge um sich hat.

Doch auch seine Kreditwürdigkeit ist nicht ohne Ende strapazierfähig, letztlich rückt ihm ein Gläubiger unangenehm drohend zu nahe. Allmen braucht dringend Geld.

Als er bei einer Bekannten fünf wertvolle Glasschalen sieht, reift in ihm ein gefährlicher Plan…

Ein wunderbares Buch! Natürlich ist es seine 18.90€ wert! (Und wenn man es gelesen hat, möchte man sowieso nicht mehr zu den Knauserigen und Kleinkarierten gehören, die überhaupt auf den Preis achten…)

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Asfa-Wossen Asserate: Manieren

„Weil die Erde eiert: ALLE HOROSKOPE FALSCH! Bild sagt ihnen, ob sie ein neues Sternzeichen haben…“

Diese Schlagzeile prangte mir heute beim Brötchenholen entgegen. Nach so einer hochkonzentrierten Blödheitsattacke muss ich erstmal zuhause ein Gegengift zuführen. Ich schlage also oben genanntes Werk auf und lese ein, zwei Seiten.

Ahh… schon besser! Wieder einmal hat mir Prinz Asfa-Wossen den Tag gerettet!

Da sage noch einmal jemand, Bücher seien keine praktische Lebenshilfe! Manche Menschen (besonders Frauen, fürchte ich) lesen gern Kitschromane (die Buchhändler sprechen hier auch von „Beißbüchern“*) um dem langweilig grauen Alltag zu entfliehen. Schön und gut – aber viel notwendiger ist es doch, Sachbücher oder Romane lesen, um der Dummheit der Umwelt zu entfliehen, wenn sie einem allzu heftig entgegen schlägt.

Dabei muss man noch nicht einmal auf „anstrengende“ Bücher zurückgreifen. Es gibt wunderbar spannende Romane, wie z.B. „Der Club Dumas“ von A. Perez-Reverte, in denen unglaublich belesene Figuren auftauchen – schon fühlt man sich in bester Gesellschaft!

(Viele BuchhändlerInnen neigen zu einer gewissen Verschrobenheit. Das ist hoffentlich nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste…)

* Gab es auch schon lange vor Stephenie Meyer: Auf dem Titel sind meist spärlich bekleidete Frauen und Männer, bei denen es irgendwie immer so aussieht, als wolle er sie gleich beißen (oder ihr vielleicht auch nur einen Knutschfleck verpassen).

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Matti Rönkä: Entfernte Verwandte

Während ich an Heinrich Steinfest lange herumgekaut habe, wurde Matti Rönkä mal so eben weggeschlürft. Das Muster dieses Romans ähnelt sehr dem des letzten („Russische Freunde“).

Viktor Kärppä, der smarte Finne russischer Herkunft, hat erneut Probleme mit dem Gesetz. Eigentlich wollte er ja seiner Frau und seiner Tochter zuliebe nur noch legale Geschäfte machen, aber alte Freunde und Verwandte wird man nicht so schnell los…

Für einen Krimi passiert schon erstaunlich wenig in dem Buch. Matti Rönkäs Geschichten funktionieren eigentlich nur über seinen Helden Viktor Kärppä, der sogar für einen Finnen richtig cool ist.

Auch die Nebenfiguren wie die Polizisten Terhonen und Parjanne haben ihre besonderen Szenen. Für Fans wie mich ein nettes Büchlein, alle anderen werden sich wahrscheinlich beim Lesen ein wenig langweilen…

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Heinrich Steinfest: Cheng

Ich kann gar nicht glauben, wie lange ich an diesem dünnen Büchlein gelesen habe! (Na gut, zwischendurch war noch ein Leseexemplar zu bewältigen, das ich noch nicht besprechen darf…)

Nachdem mir mehrmals versichert wurde, dass Steinfest neben Wolf Haas einer der Österreicher ist, die man gelesen haben sollte, habe ich mir hoffnungsvoll den ersten Band der Reihe um den einarmigen Wiener Privatdetektiv chinesischer Herkunft (der zu Beginn des Buches noch im Besitz beider Arme ist) zugelegt.

In seinem ersten Fall wird Markus Cheng von einem Mann beauftragt, der von einer unbekannten Frau verfolgt und bedroht wird. Die Ermittlungen verlaufen jedoch im Sande und die Frau verschwindet so plötzlich, wie sie aufgetaucht ist. Cheng konzentriert sich schon auf andere Fälle, als plötzlich das Morden beginnt…

Natürlich hat Steinfest einen ähnlich bösen Humor wie Wolf Haas, aber seltsamerweise hat es bei mir nicht „klick“ gemacht. (Auch nicht „dong“ oder „klingeling“ – kurz gesagt: Kein Funkenübersprung!) Die Brenner-Romane habe ich gierig verschlungen – Suchtlektüre Hilfsausdruck – und mich dabei manchmal vor Lachen ausgeschüttet. Die urkomische Sprache, der absurde und morbide Witz von Wolf Haas sind, zumindest mit seinem ersten Buch, von Steinfest nicht erreicht worden.

Vielleicht sind die folgenden Bände besser? Im Moment steht mir nicht der Sinn danach, es herauszufinden. Matti Rönkä wartet nämlich 😉

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Camilla Läckberg: Engel aus Eis

Die Läckberg-Krimis zu lesen ist für mich fast wie ein Kurzurlaub in Bohuslän. Man trifft alte Bekannte (Patrick und Erica, Anna und Dan, Martin und noch andere mehr) und fühlt sich ein bisschen heimisch in Fjällbacka, diesem wunderbaren Ort nördlich von Göteborg (von dem man sich absolut nicht vorstellen kann, dass dort gemordet wird!)

Und dennoch bearbeitet der Polizist Patrick Hedström von der Polizei Tanum nun schon seinen fünften Fall – und das im Erziehungsurlaub! Stark involviert ist auch seine Frau Erica Falck, die mit ihrem neuen Buch nicht vorankommt und stattdessen die Tagebücher ihrer verstorbenen Mutter Elsy liest.

Als zwei Menschen, mit denen Elsy in ihrer Jugend im Krieg befreundet war, innerhalb weniger Wochen getötet werden, glaubt Erica nicht an einen Zufall. Also begibt sie sich auf Spurensuche in eine Vergangenheit, deren tödliche Geheimnisse bis in die Gegenwart reichen…

Wer die Mischung aus Kriminalfall und Privatleben der Ermittler mag, kommt hier wieder auf seine Kosten. (Und wer sich an die schwedische Westküste träumen möchte, auch…)

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Angela Elis: Mein Traum ist länger als die Nacht

Eigentlich stimmen die Zutaten für eine erfolgreiche Biographie : Es geht um eine interessante, starke Frau, und es liegt kein anderes Buch über ihr Leben vor. Aber Angela Elis´ Entscheidung, die Lebensgeschichte in einer romanähnlichen Form zu erzählen, finde ich fragwürdig.

Natürlich liest sich das Buch dadurch wunderbar leicht und spannend, aber manchmal versteigt sich Elis für meinen Geschmack doch ein wenig zu sehr in Phantasien. So beschreibt sie z.B. in allen Details, wie der Gerichtsvollzieher aussah, der die Eheleute Benz nach ihrer Pleite aufsuchte. Man fragt sich unweigerlich, woher diese Informationen kommen könnten – wurde der Mann beim Pfänden fotografiert?

Dialoge und Beschreibungen sind üppig und mit viel Zeitgeschichte aufgefüllt. Der sehr blumige Stil kann der Leserin – die meisten Männer wird das Buch wohl ohnehin nicht ansprechen – auf die Nerven gehen.

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Kate Morton: Die fernen Stunden

Ähnlich wie Judith Lennox kann man Kate Morton gern „zwischendurch“ lesen, wenn man z.B. Konzentrationsstörungen oder einfach viel um die Ohren hat – ideal also für die stressige Vorweihnachtszeit. Nett, stilistisch einfach (nicht ganz knitterfrei, aber das könnte ja auch an der Übersetzung liegen) und die Handlung auf zwei Zeitebenen ist nicht besonders aufregend, sondern gerade so fesselnd, daß man das Buch nicht zur Seite legt.

Um folgendes geht es: Edie Burchill ist zufällig zugegen, als ihre Mutter einen fünfzig Jahren alten Brief erhält. Während des Kriegs war die Postsendung vergessen worden. Edie ist fassunglos, als sie ihre Mutter beim Lesen des Briefes weinen sieht, denn Meredith ist eine eher kühle Person. Außerdem weicht sie Edies Fragen nach dem Inhalt des Schreibens aus. Also macht die Tochter sich daran, die Vergangenheit der Mutter zu ergründen. Als junges Mädchen wurde Meredith wie viele andere Kinder aus London evakuiert und verbrachte ein Jahr bei den Schwestern Blythe in Schloss Middlehurst.

Als Edie das Schloss spontan besucht, erfährt sie, dass die inzwischen hochbetagten Schwestern dort immer noch leben. So kommt sie allmählich dem Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur…

Nett, very british und am besten bei einer guten Tasse Tee (oder bei einem Gläschen Portwein, für die Liebhaber geistiger Getränke) zu lesen…

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Tana French: Sterbenskalt

Hier die angekündigte Besprechung zum neuen Krimi der irischen Bestsellerautorin – das Buch ist gerade noch rechtzeitig zum Fest zu haben!

Undercover-Ermittler Frank Mackey hat seit zwanzig Jahren kaum noch Kontakt zu seiner Familie. Für sie ist er eine Art Verräter, weil er einfach alles hinter sich gelassen hat und ausgerechnet Polizist geworden ist. Cops sind in Faithful Place, seinem ehemaligen Wohnviertel, nicht gern gesehen. Eigentlich wollte Frank mit seiner Freundin Rosie zusammen nach England gehen, alles war im Geheimen geplant. Doch dann tauchte Rosie nicht an der verabredeten Stelle auf, und der Abschiedsbrief, den sie hinterlassen hatte, ließ Frank jahrelang in dem Glauben, sie habe es sich anders überlegt und sei ohne ihn gegangen.

Obwohl Frank glaubt, mit dieser Geschichte angeschlossen zu haben, trifft es ihn heftig, als er einen Anruf seiner Schwester bekommt. Jugendliche haben in einem abbruchreifen Haus einen Koffer gefunden – in dem sich Rosies Sachen befinden. Und so muss Frank sich plötzlich seiner Vergangenheit und seiner Familie stellen…

Tana French gehört zu meinen Top-5-Favoriten bei den KrimischreiberInnen (neben Fred Vargas, Boris Akunin, Matti Rönkä und Wolf Haas übrigens). Ich liebe ihren Stil und ihre Art, aus einem Mordfall eine große Tragödie zu entwickeln. Auch „Sterbenskalt“ hat wieder herzzerreißende Szenen und wunderbare irisch-melancholische Figuren: Stolze Männer mit gebrochenen Herzen und tapfere Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen.

Zum Seufzen traurig und schön!

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Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge

Für den Evolutionsbiologen Dawkins ist die große Zahl derer, die die Entwicklung der Arten leugnen und stattdessen die Bibel absolut wörtlich nehmen, fast schon ein persönlicher Affront. Daß vor allem in den USA Menschen leben, die das Alter der Erde auf ca 10 000 Jahre beziffern, wird bei jedem naturwissenschaftlich nicht ganz unterbelichteten Menschen Erstaunen hervorrufen – umso mehr bei jemandem, der tagtäglich mit den Beweisen der Artenentstehung zu tun hat.

Also hat sich der leidenschaftliche Gelehrte daran gemacht, nach heutigem Wissensstand alle Argumente für die Evolution darzustellen –  für Laien verständlich, ja sogar humorvoll und unterhaltsam.

Zwar brauchte ich für die Lektüre mehr Zeit als ich für einen Roman dieses Umfangs benötigt hätte, aber ich würde das Buch dennoch als recht leicht verständlich einstufen. Vieles, dass ich wahrscheinlich Biologie-Unterricht einmal gelernt und sofort nach der Schule wieder vergessen habe, wurde mir hier noch einmal in unkomplizierter Weise nähergebracht – und wahrscheinlich spannender als im Unterricht…

Richard Dawkins hatte in Oxford einen Lehrstuhl für „Public Understanding of Sience“ inne – das merkt man seinen Büchern immer wieder an. Seine Begeisterung für Forschung und Erkenntnisgewinn ist ansteckend.

Unzufrieden ist Dawkins allerdings mit dem deutschen Titel des Buches: „The Greatest Show On Earth“, wie es im Original heißt, trifft den Kern seiner Arbeit viel besser.

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