Benedict Wells: Fast genial

Der Titel eignet sich auch ganz gut als Zusammenfassung meines Leseeindrucks…

Schon Wells´ Debütroman „Becks letzter Sommer“ hat mir gefallen: Der Ton ist unangestrengt und die Handlung fesselnd. Dasselbe gilt für sein neues Buch.

Francis wohnt mit seiner psychisch kranken Mutter in einem Trailer-Park, hält sich selbst für einen Verlierer. Das ändert sich, als seine Mutter ihm einen Abschiedsbrief hinterlässt – der Selbstmordversuch misslingt glücklicherweise – in dem sie ihm das Geheimnis um seinen Vater verrät: Francis sei der Sohn eines hochintelligenten, aber anonymen Samenspenders! Als junge Frau hatte sie bei einem fragwürdigen Experiment eines exzentrischen Milliardärs mitgemacht, bei dem es um die „Züchtung“ von Genies ging.

Mit seinem verschrobenen Freund Grover und der labilen Anne-May, einer Zimmernachbarin seiner Mutter in der Klinik, macht er sich auf die Suche nach seinem Erzeuger…

Die Geschichte ist spannend und stilsicher erzählt, wenn auch nicht ganz ohne Klischees. Manchmal war ich beim Lesen hin – und hergerissen zwischen Freude (wie sich manches fügt) und Enttäuschung (wie vorhersehbar sich maches entwickelt).

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Deon Meyer: Rote Spur

Hurra, ein neuer Deon Meyer!! Dafür lege ich Hemingway erst einmal beiseite! („Paris – Ein Fest fürs Leben“ fesselt mich eh nicht so sehr, aber das wird ein anderer Eintrag…)

Ich freue mich auf Lemmer, Mat Joubert und die anderen vertrauten Figuren des Südafrikaners. Diesmal steht die nationale Sicherheit am Kap auf dem Spiel. Planen islamische Terroristen einen Anschlag auf das FIFA-Team, das die Fussball-WM vorbereiten soll? Und wie passt eine harmlose Hausfrau und Mutter, die gerade ihren Mann verlassen hat, in das Spiel der Spione und Gangster?

Man muss schon konzentriert lesen – Deon Meyer verwirbt etliche Personen und Handlungsstränge. Wie aber letztendlich alle Fäden zusammenlaufen, ist sehr aufregend!

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Holger K. Schmidt: Isenhart

Ungefähr ein-bis zweimal im Jahr lese ich einen historischen Roman. Für mich nicht unbedingt das reizvollste Genre, aber auch in diesem speziellen Literatursegment gibt es natürlich lesenswerte Bücher zu entdecken!

„Isenhart“ gehört für mich nicht unbedingt dazu. Die Geschichte eines jungen Schmieds, der bei sehr einfachen Zieheltern aufwächst und dem dennoch Bildung zuteil wird, wirkt sehr konstruiert. Zumal Isenhart und sein adeliger Freund Konrad auch noch einen Serienmörder jagen… Als mittelalterlicher „Profiler“ heftet sich Isenhart auf die Spur des Mannes, der seine Geliebte umgebracht und ihr das Herz herausgeschnitten hat. Der Weg führt ihn bis ins ferne Toledo und wieder zurück – und der intelligente und eigenwillige junge Mann erlebt eine schmerzliche Überraschung, als er den Mörder endlich fassen kann.

Vor dem Hintergrund einer Zeit, in der nur der Glaube zählt und jede Art von Wissenschaft als Teufelswerk gilt, soll die Figur des Isenhart die Macht der Logik und des naturwissenschaftlichen Denkens feiern. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden – aber für einen flüssig erzählten Roman hat der Autor einfach zuviel hineingepackt.

(Meine Vermutung ist schon lange, dass historische Romane unter 800 Seiten von Verlagen gar nicht erst angenommen werden. Bei diesem Buch ist die Fernseh-Verfilmung, die Pro Sieben im Oktober zeigt, bestimmt eine echte Alternative…)

 

 

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Kiersten White: Flames´n´Roses

Fantasy-Schnulzen Teil 3

Im Vergleich der zuletzt besprochenen Jugendbücher schneidet dieses hier am besten ab. Die Geschichte ist flott erzählt und mitunter recht spannend.

Evie, ein Teenager in Diensten des IBKP (Internationale Behörde zur Kontrolle Paranormaler), kann durch die „Cover“ von Vampiren, Werwölfen, Hexen usw sehen. Kein übernatürliches Wesen kann sich vor ihr verbergen. Woher sie diese Fähigkeit hat oder warum sie unter der Obhut der IBKP aufgewachsen ist, hat sie nie erfahren.

Als eines Tages ein Gestaltwandler in die Zentrale einbricht und immer mehr Paranormale auf geheimnisvolle Weise sterben, gerät die Sache in Bewegung…

Dabei bekommt Evie Hilfe von unerwarteter Seite: Lend, der Gestaltwandler, freundet sich mit ihr an und rettet sie vor einem todbringenden Flammenwesen.

Mehr Spannung als Kitsch: Der nett schnodderige Ton, in dem Evie ihre Geschichte erzählt, macht das Buch ganz gut lesbar.

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Emma Donoghue: Raum

Die Welt des fünfjährigen Jack besteht aus nur einem Raum. Hier lebt er seit seiner Geburt zusammen mit seiner Ma. Im Raum gibt es Bett, Teppich, Toilette und Fernsehen und einiges mehr. Draußen ist das Weltall. Und Old Nick, der abends auftaucht und Nahrung bringt, aber dann muss Jack in den Schrank…

Als es ihm und seiner Mutter gelingt, aus dem Raum zu fliehen, landet Jack in einer völlig neuen Welt. Er ist zutiefst verunsichert, von der schieren Größe seiner neuen Umgebung und den vielen Menschen überfordert.

Emma Donoghue macht in ihrem Roman den Jungen zum Ich-Erzähler. Es fordert dem Leser schon einiges ab, sich gedanklich (und sprachlich) darauf einzulassen, sich in Jacks Welt einzudenken. Für ihn ist z.B. alles, was im Fernsehen gezeigt wird, nicht „echt“, auch nicht die Nachrichten. Zunächst weiß er schlichtweg nicht, dass es andere Menschen gibt.

Manchmal ist Jack allerdings auch mehr als altklug – Donoghue scheitert letztendlich wie die meisten Erwachsenen daran, glaubhaft einen Fünfjährigen erzählen zu lassen. Andererseits gibt es sehr gelungene Stellen, die beim Lesen Gänsehaut auslösen, zum Beispiel, wenn Jack und seine Mum  „Geschrei“ spielen.

Der Roman ist in Teilen sehr fesselnd, konnte mich aber insgesamt nicht völlig überzeugen.

 

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Sophie Jordan: Firelight – Brennender Kuss

Fantasy-Schnulzen Teil 2

Jacinda ist eine Draki. Sie lebt mit ihrem „Rudel“ in den Bergen, im Nebel, wo niemand sieht, dass sich die Draki in Drachen verwandeln. Als Jacinda und ihre Freundin eines Tages bei einem „Ausflug“ von Drachenjägern angegriffen werden, muss sie mit Mutter und Schwester die Berge verlassen und in die Wüste ziehen. Dort soll ihr „innerer Drache“ absterben und sie soll ein normales Leben führen.

Allerdings läuft ihr – welch ein Zufall!  – an ihrer Schule ein Junge über den Weg, den sie kennt: Einer der Drachenjäger, die sie angegriffen haben… und er sieht natürlich unfassbar gut aus… puhh…

Dieses Buch habe ich immerhin bis zum (offenen! Es drohen Fortsetzungen!) Ende gelesen.

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S.C. Ransom: Nur ein Hauch von dir

Nach dem Erfgolg der „Twilight“-Saga und ähnlich gestrickten Werken haben Deutschlands Jugendbuchverlage anscheinend kaum noch Interesse an anderen Themen. Zumindest bei unseren Leseexemplaren (also Büchern, die netterweise vorab an den Handel verschickt werden) besteht das Jugendbuchprogramm zu geschätzten 90 Prozent aus Fantastischer Literatur. Das hat mir mein Vorhaben, auch einmal wieder wieder mehr Kinder- und Jugendbücher zu lesen, nicht gerade versüßt…

Zwar habe ich keine Berührungsängste im Bereich Fantasy (siehe „Der Name des Windes“), aber ein wenig mehr Abwechslung dürfte es schon sein. Ich habe einfach drei Bücher aus dem Regal genommen und gelesen. Mit folgendem Ergebnis:

Fantasy-Schnulze Teil 1:

Alex findet am Ufer der Themse einen antiken Armreifen, sie legt ihn an und sieht fortan manchmal einen geheimnisvollen (natürlich unfassbar gutaussehenden) Jungen. Der ist eine Art Geist, ein „Versunkener“, der von den glücklichen Erinnerungen der Menschen lebt. Seine Art streift durch London und stiehlt positive Gedanken. Alex verliebt sich selbstverständlich in Callum, Callums Schwester Catherine (auch eine „Versunkene“ und schuld am Zustand ihres Bruders) intrigiert und zum Schluss wird wahrscheinlich alles gut – so lange habe ich aber nicht durchgehalten…

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Tatjana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose

Mit dem Roman „Sarahs Schlüssel“ ist Tatjana de Rosnay in Deutschland bekannt geworden. Auch ihr neues Buch spielt wieder in Paris, allerding etwa einhundert Jahre früher.

Madame Roses Haus soll nach den Plänen des Präfekten Haussmann abgerissen werden. Straße um Straße wird umgebaut, unerbittlich gehen die Behörden gegen die Pariser vor, deren Häuser der „Modernisierung“ im Weg stehen.

Madame Rose jedoch möchte ihr Heim nicht aufgeben. Das Haus war stets ihr Lebensmittelpunkt: Hier hat sie mit ihrem geliebten Mann und ihren Kindern gelebt. In Briefen an ihren verstorbenen Gatten hält sie Rückschau auf vergangene glückliche und auch schwere Jahre. Sie richtet sich heimlich im Keller des Hauses ein, während die Nachbarn glauben, sie sei auf dem Weg zu ihrer Tochter…

Tja. Naja. Das Buch wird sicherlich einen mehr oder weniger großen Kreis von Leserinnen finden. Mich inspiriert es noch nicht einmal zu einer schlechten Kritik – es ist ja auch nicht besonders schlecht. Es hat mich einfach in keiner Weise berührt, angeregt, bewegt oder sonst eine Reaktion hervorgerufen. Immerhin weiß ich jetzt, dass Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild „moderner Großstädte“ wie London oder Berlin umgebaut wurde. (Allerdings tendiert mein Interesse an der Stadt Paris oder an französischer Geschichte gegen Null…)

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Antonia Byatt: Das Buch der Kinder

Eine wunderbar verwobene Geschichte vierer Familien vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des ersten Weltkriegs.

Die Brüder Humphrey und Basil Wellwood könnten nicht unterschiedlicher sein: Basil ist Banker mit Leib und Seele, Humphrey dagegen sympathisiert mit sozialistischen Ideen und fühlt sich unter Künstlern am wohlsten. Seine Frau Olive stammt aus einfachen Verhältnissen und ist eine erfolgreiche Schriftstellerin.

Ihre jeweiligen Kinder sorgen für Überraschungen: Basils Sohn Charles verbringt heimlich Zeit in Gewerkschaftsclubs, anstatt zu studieren und Tochter Griselda verliebt sich in einen deutschen Puppenspieler.

Die Kinder von Humphrey und Olive haben alle Möglichkeiten, doch bis auf Dorothy, die Ärztin werden will, scheinen sie alle seltsam ziellos – vor allem der älteste Sohn, Tom. Sein Studium bricht er trotz guter Noten ab und flüchtet häufig in die umliegenden Wälder.

Der Künstler Benjamin Fludd und seine Frau Seraphita führen ein Leben außerhalb gesellschaftlicher Normen. Fludd hat kaum eine Beziehung zu seinen Kindern, sein Mündel und Lehrling wird als einziger von ihm anerkannt. Dagegen versucht der Museumsdirektor Prosper Cain, für seine Kinder Vater und Mutter zu sein nach dem frühen Tod seiner Frau.

Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem ein Personenregister so nötig war! Dennoch wird man von der Geschichte unweigerlich in den Bann gezogen. Antonia Byatt („ Besessen“) ist eine wunderbare Erzählerin: Anmutig und elegant füllt sie neunhundert Seiten mit Leben. Dabei liefert sie ein durch und durch stimmiges Gesellschaftsportrait jener Zeit, in der alles möglich schien und doch die meisten Lebensentwürfe am „Großen Krieg“ zerbrachen.

 

 

 

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Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini

Ein hochbetagter Industrieller wird in seinem Hotelzimmer von einem Mann erschossen, geradezu hingerichtet. Der Täter steht zu seinem Mord: Er läßt sich widerstandslos verhaften, schweigt aber zum Tatmotiv. Seinem jungen Pflichtverteidiger ist der Mann ein Rätsel. Fabrizio Collini hat 34 Jahre als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet, unauffällig und völlig unbescholten.

Für Caspar Leinen entwickelt sich sein erster Fall zum Alptraum, denn das Opfer ist der Großvater seines verstorbenen besten Freundes. Und die Familie des Ermordeten ist entsetzt, dass ausgerechnet Leinen den Mörder verteidigt.

Angesichts des Alters von Täter und Opfer ist dem erfahrenen Leser schnell klar, dass es sich hier um eine Tat handelt, deren Motiv im Zweiten Weltkrieg zu finden ist. Die Vorhersehbarkeit hat mich dann doch ein wenig enttäuscht.

Doch nehmen das Gerichtsverfahren (und ebenso der bis dahin nicht besonders originelle Roman) eine unerwartete Wendung – letztendlich geht es um einen ungeheuerlichen Vorgang in der deutschen Rechtsgeschichte. Und das ist wirklich spannend!

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