Jetzt ist ein Porter unser einziger Freund…

Soeben haben wir erfahren, dass Harry Rowohlt gestorben ist.

Ich glaube, man sollte sich ihm zu Ehren (zum ersten Mal in meinem Leben!) mit Vorsatz betrinken. Leider haben wir keinen irischen Whisky im Ferienhaus, und mit Kirschwein und Baileys produziert man wahrscheinlich eine mittelschwere Übelkeit am nächsten Morgen, aber egal…

Die erste Übersetzung des großen Meisters, die ich gelesen habe, so Anfang der 1990er, waren die Kolumnen des Iren Flann O`Brien („Trost und Rat“)*. Auf einer Lesung habe ich mir die schöne Haffmans-Ausgabe des Büchleins signieren lassen, sogar ein Eselsohr hat Harry Rowohlt mir reingeknickt. Und ich habe das Buch verschenkt!! (Matthias K., wenn Du das liest: Ich hätte das Buch eigentlich gern zurück!)

Ach ja, die legendären Rowohlt-Lesungen…

Und das wundervolle „Pu der Bär“-Hörbuch. Seit mehr als zehn Jahren höre ich es, wenn ich einmal nicht einschlafen kann…

Und „Pooh’s Corner“. Ich glaube, daher habe ich das Wort „zackoflex“…

Ich bin sicher, eine Menge Leute werden wundervolle, rührende Nachrufe auf ihn schreiben, daher heißt es für mich jetzt einfach: Zurück zum Kirschwein und so tun, als würde mir die noch immer strahlende schwedische Sonne die Tränen in die Augen treiben.

* Der Titel ist an ein Gedicht von Flann O`Brien angelehnt:

Wenn alles nur schiefgeht, egal, was man macht,
und gar nichts zu klappen mehr scheint,
wenns Leben so schwarz wie die Stunde der Nacht,
IST EIN PORTER DEIN EINZIGER FREUND.

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6 Kommentare zu Jetzt ist ein Porter unser einziger Freund…

  1. Renate Weiland-Briesner sagt:

    Danke für den besten Nachruf von allen!!!
    Möge der Kopf nicht zu stark schmerzen vom Kirschwein !
    Trotzdem eine schöne
    Mittsommernacht
    mit herzlichen Grüßen

    • (Hurra – ein Kommentar! Vielen Dank, Frau Weiland-Briesner!)

      Der Kopfschmerz hielt sich in Grenzen, mit Kirschwein kann man sich nämlich gar nicht betrinken. Das Zeug hat nur acht Umdrehungen und ist so süß, dass man einen Zuckerschock bekommt, bevor man die Menge intus hat, bei der der Alkohol seine Wirkung entfalten würde…

  2. Jutta Kowalski sagt:

    Danke, my sentiments exactly…

    In meinem Kinder- und Jugendbuchregal steht eine alte, de luxe gehandhabte Taschenbuchausgabe der Grünen Wolke von A.S. Neill, übersetzt von Harry Rowohlt. In der Grundschule in den Siebzigern hat uns an der Geschichte vor allem die Gangstersprache beeindruckt und inspiriert – sehr nützlich, wenn man auf dem Schulhof zu jemandem sagen kann: „Verfatz dich, Singvogel!“ Das klingt doch gleich viel abgebrühter und cooler als „Hau ab, du doofe Petze!“

    Später habe ich noch mehr von A.S. Neill gelesen, und auch noch viel, viel mehr von Harry Rowohlt – Dank der Freundin und Buchhändlerin meines Vertrauens. Seit Flann O’Brien habe ich mit reinem Gewissen eine liebevolle Beziehung zu alten, zerfledderten Büchern mit vergessenen Lesezeichen entwickelt.

    Und schließlich habe ich Harry Rowohlt wiederentdeckt, als es mich in die schönste Stadt der Welt verschlug, von der er mal sinngemäß* gesagt haben soll:
    „Erst kommt Hamburg,
    dann kommt Hamburg nochmal,
    dann kommt lange gar nichts,
    und was dann kommt, ist mir egal.“

    Wenn wir in Zukunft etwas von Harry Rowohlt lesen, werden wir uns beim Lächeln, Lachen, Diebischfreuen und InsKinnglucksen immer zugleich eine Träne wegwischen. Da kommt nu nichts mehr nach. Er wird uns fehlen.

    * (Wer kennt die Quelle und den genauen Wortlaut? Hinweis sehr willkommen!)

    • Jutta Kowalski sagt:

      So, nu hab ich’s selbst herausgefunden: Der Hamburg-Text stammt nicht von Harry Rowohlt, sondern aus einem Lied von „Friedel Hensch und die Cyprys“, das im Jahr 1964 als Single erschienen ist (siehe Wikipedia). Also knapp vor meiner Zeit, falls man das als Entschuldigung für meine Unwissenheit gelten lassen möchte. Hier der korrekte Wortlaut, und am besten stellt man sich dazu wohl einen beschwingten Walzertakt vor:

      Erst kommt natürlich mal Hamburg,
      und dann kommt Hamburg nochmal.
      Dann kommt ’ne ganze Zeit gar nichts,
      und was dann kommt, das ist mir egal.

      Sehr hübsch, und ich würd es glatt kaufen, hab es aber leider auf keiner der aktuellen „Best of“-CDs gefunden. Harry Rowohlt muss das wohl mal zitiert oder gesungen haben, und weil es so gut zu ihm passte, hat es sich in der Rezeption zu einer harmonischen Einheit gefügt. Friedel Hensch möge mir verzeihen…

  3. Klaus-D. Krause sagt:

    Alkohol ist auch keine Lösung – es sei denn, jemand kann ihn so gut wegstecken wie Harry Rowohlt.
    Auch in dieser Hinsicht war der Mann ein Phänomen. Wie er bei Lesungen nach fünfstündigem Whiskey-Gelage weiterhin druckreif und geistreich sprach, als hätte er bloß Mineralwasser intus, das wird mir ewig ein Rätsel bleiben.
    Sehr vermissen werde ich den Um-die-Ecke-Denker, den Wortschöpfer und Sprachakrobaten sowie den Autor und Rezitator, einzigartig durch seinen besonderen Humor.
    Trösten sollte uns trauernde Harry-Rowohlt-Verehrer zweierlei: Wenn Leben nur noch Leiden heißt, was nach jahrelanger, fortschreitender Krankheit zu vermuten ist, dann wird der Schlusspunkt im Tagebuch oft herbeigesehnt. Und für uns bleibt ein reiches Erbe: Eine Menge Übersetzungen, Selbstverfasstes und Tondokumente warten auf ihre Erst- oder Wieder-Entdeckung (eine kleine Auswahl auf dieser Internet-Seite wäre da hilfreich).
    Darauf ein Glas Spätburgunder!

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