Luiza Sauma: Luana

Nach dreißig Jahren bekommt André Post von seiner Jugendliebe Luana. Er lebt als Arzt in London, seine Ehe ist gescheitert, seine zwei Töchter erwachsen. Eigentlich bleibt ihm nur sein Beruf – und die Rückschau auf seine Kindheit und Jugend in Brasilien.

Nach dem Unfalltod seiner Mutter hatte André als Jugendlicher eine Liebesbeziehung zu Luana geknüpft, der Tochter der Hausangestellten Rita. Die beiden verheimlichen ihre Beziehung, denn auch 1985 sind die Standesunterschiede einfach zu groß.  „Embregadas“, so die Bezeichnung für das im Haus lebende Personal, sind aus Sicht seiner Familie und Freunde einfach keine gleichwertigen Menschen. Und so endet trotz leidenschaftlicher Verliebtheit die Beziehung schon nach einigen Monaten auf eine dramatische Weise und André verlässt fluchtartig das Land…

Die Liebesgeschichte hat mich nicht umgehauen, aber als Einblick in das soziale Gefüge in Brasilien fand ich das Buch sehr interessant.

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Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

Jabotinsky, 1880 in Odessa geboren, schrieb diesen Roman bereits in den 1930er Jahren. Doch erst 2013 ist diese erste deutsche Übersetzung in der „Anderen Bibliothek“ herausgegeben worden.

Der Roman ist eine Ode an die einzigartige Schwarzmeer-Stadt, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Schmelztiegel war.
Das ukrainische und das russische, das jüdische und das deutsche, das armenische und das griechische Leben fanden Platz im weltoffenen Odessa.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Migrom mit ihren fünf Kindern, mit denen der Ich-Erzähler befreundet ist. So wird er Zeuge der grausamen Schicksalsschläge, die die Milgroms treffen.

Elegant erzählt, wechselt die Geschichte nach einem heiteren Beginn allmählich den Ton.  In die liberale Gesellschaft mischen sich immer mehr nationalistische und antisemitische Strömungen. So wird der Erzähler Chronist einer untergehenden Epoche und einer zerbrechenden Familie.

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Takis Würger: Der Club…

…oder: Wenn schöne Menschen* schöne Bücher schreiben

Ja, es lohnt sich, den „kleinen“ Schweizer Verlag Kein & Aber im Auge zu behalten, denn er hat einfach tolle Bücher im Programm!
Für mich das Highlight im Frühjahrsprogramm 2017:
Der Debütroman des jungen „Spiegel“-Reporters Takis Würger.
Das Buch führt in die Welt der Bildungs-„Elite“, nach Cambridge. Hierher verschlägt es den stillen, unbeholfenen Hans, der seine Eltern in jungen Jahren auf tragische Weise verloren hat.
Den Weg ebnet seine Tante Alex Birk, die als Dozentin für Kunstgeschichte in der Universitätsstadt lebt. Beider Verhältnis ist schwierig, denn Hans hatte einst gehofft, bei Alex leben zu können, wurde aber in ein Internat geschickt.
Und auch jetzt will seine Verwandte ihn nicht aus Gründen der Familienzusammenführung bei sich haben. Sie hat einen Auftrag für ihren Neffen, der für ihn zu einer großen Belastung wird.
Hans soll sich dem Boxteam anschließen und so Mitglied einer geheimnisvollen Gruppe von männlichen Studenten werden, die Verbrechen begehen und offiziell nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.
Zur Seite steht ihm dabei die Doktorandin Charlotte, die ihre eigenen Beweggründe hat, Hans zu unterstützen. Im Boxteam findet Hans zum ersten Mal in seinem Leben richtige Freunde. Freunde, die er bespitzeln soll…

Takis Würger erzählt die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, dabei treten nicht nur die Hauptfiguren als Erzähler auf, sondern auch Nebenfiguren. Manches wirkt vielleicht etwas plakativ, aber das Buch ist einfach spannend erzählt und der Blick in die Welt der Elite-Uni sehr interessant.

Hier kann man den Autor sehen 😉

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Off topic: Echt jetzt, AfD?!?

Dass das Menschenbild der Afd „besonders“ist, hat inzwischen jeder mitbekommen. Aktuell sorgt man sich bei dem alternativen Karnevalsverein darum, dass ein Mensch ohne Abitur, ein gelernter Buchhändler, Bundeskanzler werden könnte.
Den Kommentaren im „Buchhandelstreff“ auf facebook zufolge bekommen viele Kolleginnen und Kollegen deutschlandweit  gerade Bluthochdruck. Und das zu Recht.

Liebe besorgte Alternatvisten, jetzt mal eine ganz schlimme Vision: Es gibt im Buchhandel auch schlaue, belesene und politisch engagierte Frauen. Mit und ohne Abitur. Vielleicht wird ja mal eine davon Kanzlerkandidatin…

Wie Herausgeber Stefan Bollmann es so schön in Buchform gefasst hat:

Und weil Lesen oft hilft, kauft euch gefälligst alle „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke und meldet euch öffentlich erst wieder, wenn ihr es durchgearbeitet habt!

Buchhändlerische Grüße

Regina Schwan

PS: Eure Abiturzeugnisse werden wegen erwiesener Beklopptheit für nichtig erklärt!

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Alan Bradley: Eine Leiche wirbelt Staub auf

Der siebte Band der „Flavia de Luce“-Reihe – wieder ein nettes Lesevergnügen! Die mittlerweile 12jährige geniale Chemikerin und Hobby-Detektivin Flavia wird „verbannt“. Sie muss den geliebten Landsitz Buckshaw verlassen, um in Kanada das Mädcheninternat zu besuchen, in dem schon ihre Mutter Harriet Schülerin war.

Flavia ist erbost darüber, England verlassen zu müssen. Doch als an ihrem ersten Abend im neuen Zuhause eine verkohlte Leiche ohne Kopf aus dem Kamin fällt, freundet sie sich mit dem Aufenthalt in „Miss Bodycote’s Female Academy“ doch an.
Sofort nimmt sie die Ermittlungen auf…

Alan Bradley unterhält weiterhin mit einer sympathischen Heldin und britischem Humor. (Eigentlich habe ich für ältere Titel angesichts der Flut von neuen Leseexemplaren gar keine Zeit, aber das musste zwischendurch einfach sein!)
Wer einsteigen möchte in die Reihe: Unbedingt mit „Mord im Gurkenbeet“ beginnen und die Reihenfolge einhalten!

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Sarah Hall: Bei den Wölfen

„In Sarah Halls außergewöhnlichem Roman verbinden sich eine lyrische und zugleich kraftvolle Sprache, starke und ungewöhnliche Bilder, vielschichtig-kantige Figuren sowie ein attraktives Thema zu einem Leseerlebnis der Extraklasse.“ – Soweit der Verlag über das Buch. Das fand ich ansprechend. Und den Wolf auf dem Cover sowieso.
Allerdings ist mir die vielschichtig-kantige Hauptfigur meist unheimlich auf die Nerven gegangen. Außerdem ging es letztendlich zu meiner Enttäuschung weniger um Wölfe als um Beziehungsgeschichten und ums Kinderkriegen. Naja.

Zum Inhalt: Rachel Caine hat ihrer Heimat England den Rücken gekehrt, um von ihrer schwierigen Familie weg zu kommen. Doch dann kehrt sie nach dem Tod ihrer Mutter zurück, weil sie die einmalige Chance hat, die Einwilderung eines Wolfspaares in England zu begleiten. Ihr Arbeitgeber ist ein schwerreicher Adeliger, der Land und Geld zur Verfügung stellt. Aber das Projekt wird von Protesten begleitet. Außerdem stellt Rachel fest, dass sie von einem Kollegen, mit dem sie in den USA zusammengearbeitet hat, schwanger ist. Sie freundet sich mit dem Tierarzt des Projekts an, er wird ihr neuer Liebhaber. Ihre Schwangerschaft schreitet fort und sie bekommt ein Kind. Ach ja, ein bisschen Konflikt gibt es noch, als die Wölfe ausbrechen.
Kein wirklich schlimmes Buch, aber auch nicht das, was ich erwartet hatte…

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Tana French: Gefrorener Schrei

Die junge, hübsche Aislinn Murray wird in ihrem Haus tot aufgefunden. Eine Beziehungstat, scheint es auf den ersten Blick, und so landet der Fall auf dem Schreibtisch von Antoinette Conway, der unbeliebtesten Mitarbeiterin im Morddezernat.

Doch während der Ermittlung tauchen immer mehr Ungereimtheiten und Fragen auf. Im Dezernat wird der Freund des Opfers als Täter gehandelt und Conway unter Druck gesetzt, ihn zu verhaften und andere Spuren zu vernachlässigen. Bald weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Ist ihr Partner Stephen Moran wirklich auf ihrer Seite? Gibt es eine Verschwörung und sind Kollegen in den Mord verwickelt? Viele Spuren enden in Sackgassen und Conway weiß, dass sie den Fall nur im Alleingang lösen kann.

Die barsche und von ihren Kollegen gemobbte Polizistin und ihr netter, sozial kompetenter Partner haben schon in „Geheimer Ort“ zusammen ermittelt. Während in diesem vorangegangenen Buch Moran der Ich-Erzähler war, wird diesmal aus Conways Perspektive erzählt.

Tana French zeichnet wirklich interessante Figuren und hat einen angenehmen Stil, finde ich. Dennoch las sich das Buch nicht so flüssig wie gewohnt. Die Ermittlungen ziehen sich doch sehr, es dauert lange, bis die Handlung in Fahrt kommt. Nicht ihr bester Roman, aber immer noch lesenswert!

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Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben

miller_ortEin grandioser Tipp von einer fürsorglichen Kundin – das Buch ist schon 2013 erschienen und wäre mir glatt durch die Lappen gegangen, wenn Frau G. mich nicht noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen hätte!

Zum Inhalt: Sheldon Horowitz verlässt nach dem Tod seiner Frau sein geliebtes New York und zieht nach… Oslo! Dort lebt er bei seiner Enkelin Rhea und deren Mann Lars. Ein seltsamer Ort zum Sterben, findet der 82-jährige. Doch der Tod ereilt nicht ihn, sondern eine Nachbarin, eine junge Frau, die von Gangstern verfolgt wird. Sheldon gelingt es, den Sohn der Ermordeten zu retten. Auch wenn er körperlich nicht mehr in der besten Verfassung ist und ihn sein Gedächtnis manchmal im Stich lässt: Seine Mission ist es fortan, den Jungen zu beschützen, und so machen sich die beiden auf zum Sommerhaus von Lars, wo sich zwei alte Gewehre befinden sollen.
Als Kriegsveteran und ehemaliger Geheimdienstler hat der alte Mann so manchen Trick auf Lager, wie die Verfolger bald feststellen…

Sehr spannend, sehr amüsant. Natürlich schließt man den grummeligen Sheldon Horowitz sofort ins Herz. Und die eine oder andere Nebenfigur hat es auch ganz schön in sich, wie wir am Ende sehen 😉

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Julian Fellows: Belgravia

fellows_belgraviaDer Autor bleibt seinem Genre treu.
Zwar ist der Roman im 19. Jahrhundert angesiedelt, aber das Strickmuster gleicht dem des Serien-Hits „Downton Abbey“. Es fehlen allerdings die amüsanten Dialoge, so dass leider nur eine Seifenoper übrigbleibt…

Erzählt wird die Geschichte eines unehelichen Sohnes, der von seinen Großeltern heimlich gefördert wird, ohne seine Abstammung zu kennen. Dazu gibt es Intrigen sowohl in den Familien als auch im Dienstbotentrakt.

Kann man lesen, muss aber nicht sein. Mein Tipp: Lieber noch mal „Downton Abbey“ schauen. Oder noch besser „Gosford Park“!

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Frank Goldammer: Der Angstmann

goldammer_angstDresden im Winter 1944/45: Eine Serie von Frauenmorden erschüttert die Stadt, der „Angstmann“ geht um, wird hinter vorgehaltener Hand erzählt. Kriminalinspektor Max Heller wird auf den Fall angesetzt, aber sein Vorgesetzter ist nur an einer schnellen Erfolgsmeldung interessiert. Ob der richtige Täter gefasst wird, ist dabei nebensächlich.

Heller versucht dennoch, in den chaotischen Verhältnissen so etwas wie solide Polizeiarbeit zu leisten, immer unsicher, ob er bespitzelt wird, was er sich noch erlauben kann, ohne an die Front versetzt zu werden. In einer kalten Februarnacht scheint er den Mörder stellen zu können, doch dann beginnt die Bombardierung der Stadt…

Das Motiv „Psychopathischer Serienkiller tötet möglichst grausam etliche Frauen“ ist das ausgelutscheste der Krimiwelt. Ich reagiere mittlerweile nahezu allergisch darauf. Dennoch habe ich das Buch zur Hand genommen, weil ich Krimis spannend finde, die nicht nur einen Fall erzählen, sondern sozusagen „Mehrwert“ bieten wie Einblicke in andere Gesellschaften oder Epochen. Als Roman über die letzten Kriegsmonate und die unmittelbare Nachkriegszeit fand ich das Buch ganz ordentlich, den Serienmörder-Plot hätte Goldammer sich sparen können.

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